Zweites Kapitel

Etwas Altes, Vergessenes regte sich in Lauras Brust. Die Kriegerin, die sie vor Jahren begraben hatte, krallte sich an die Oberfläche, wollte ausbrechen, schabte mit wachsender Wut an ihrem Inneren. Ihre Wölfin, einst still und nachgiebig, heulte jetzt mit einer Raserei, die sie bis ins Mark erschütterte.

Wehr dich! Wehr dich JETZT! Lass mich den Bastard zerfetzen!

Doch die Ketten der Jahre in Unterwerfung lagen schwer auf ihren Schultern. So lange hatte sie die perfekte Luna gespielt. Sie war still gewesen, pflichtbewusst, nie hinterfragend. Diese Rolle war inzwischen zu einem Käfig geworden, den sie sich selbst gebaut hatte.

Ihre Hände zitterten, als sie Kieran anstarrte, seinen Arm fest um Elises Taille geschlungen, sein selbstgefälliges Lächeln, das Lauras Seele schnitt wie ein Messer.

„Ist das, was ich verdiene?“ Endlich fand Laura ihre Stimme, auch wenn sie leiser herauskam, als sie wollte. „Nach allem, was ich für dich aufgegeben habe?“

Kierans Augen verengten sich. Die Halle des Rudels wurde so still, dass sie das Knistern des Kaminfeuers hören konnte.

„Du hast nichts aufgegeben, worum ich dich nicht gebeten hätte“, sagte er kalt, seine Stimme füllte die schweigende Halle. „Eine echte Luna hätte ihren Wert bewiesen. Eine echte Luna hätte mir Kinder geschenkt.“

Elises Lachen hallte auf. „Arme, arme Laura“, schnurrte sie, schmiegte sich noch enger an Kieran, ihre Brüste gegen seine Brust gepresst, während sie mit grausamer Freude fortfuhr. „Die aussortierte Luna. Jeder wusste, dass dieser Tag kommen würde. Du wusstest, dass dieser Tag kommen würde.“

Aussortierte Luna.

Die Worte prallten in Lauras Kopf umher, jedes Echo fachte ein Feuer an, von dem sie geglaubt hatte, es sei längst erloschen.

Ihre Wölfin drängte stärker gegen ihre Haut, nicht länger bereit, zum Schweigen gebracht zu werden.

„Aussortiert?“ Laura wiederholte es, ihre Stimme gewann an Kraft. Sie trat vor, hörte das scharfe Einziehen von Atem um sich herum. „Ihr glaubt, ihr könnt mich wegwerfen, als wäre ich nichts?“

Kierans Gesicht verdüsterte sich. „Hüte deine Zunge, Laura. Du magst dem Namen nach Luna sein, aber vergiss nicht, wer hier die Macht hat.“

„Nein.“ Das Wort entglitt ihr, bevor sie es zurückhalten konnte.

Die Halle verstummte völlig.

„Was hast du gesagt?“, knurrte Kieran, seine Augen blitzten mit dem Gold seines Wolfs auf.

Laura richtete sich auf, spürte, wie in ihr etwas losschnappte, etwas Wildes und Starkes. „Ich habe Nein gesagt. Ich werde nicht weggeworfen. Ich werde nicht ersetzt.“

Sie machte noch einen Schritt nach vorn, und zum ersten Mal seit Jahren schrumpfte sie nicht, als er sie anstarrte.

„Du willst sie wählen? Bitte. Aber du bekommst nicht auch noch mich, du verfickte Fotze.“

Kierans Gesicht verzog sich vor Wut. „Du vergisst deinen Platz!“

„Meinen Platz?“ Laura spürte, wie sich ihre Lippen zu einem Lächeln kräuselten, das sich fremd in ihrem Gesicht anfühlte. „Mein Platz war an deiner Seite, als deine Gleichgestellte. Aber so hast du mich nie gesehen, oder? Ich war nur etwas, das dir gehörte. Eine Gebärmaschine, die bei ihrer einen Aufgabe versagt hat.“

Jetzt konnte sie es fühlen, das Band zwischen ihnen. Früher hatte es sich warm und sicher angefühlt. Nun fühlte es sich an wie ein Strick um ihren Hals.

„Ich, Laura Ravenwood, weise dich, Kieran Silver, als meinen Gefährten zurück.“

Die Worte fielen von ihren Lippen, jedes einzelne wies auf einen neuen Weg, den sie nicht sehen konnte, den sie aber bereit war zu gehen.

Einen Atemzug lang geschah nichts. Dann riss ein Schmerz, so scharf, dass sie laut nach Luft schnappte, durch ihre Brust. Das Gefährtenband brach mit einem Knacken, die Verbindung, die sie jahrelang gebunden hatte, zersplitterte in Stücke.

Laura konnte ihren Schrei nicht zurückhalten, als sie auf die Knie fiel. Es fühlte sich an, als hätte jemand ihr mit bloßen Händen das Herz aus der Brust gerissen. Sie krallte sich an ihre Brust, Tränen liefen ihr über das Gesicht.

Durch den Schmerz hindurch hörte sie Kieran lachen.

„Törichtes Mädchen“, höhnte er und blickte auf ihren zusammengekrümmten Körper hinab. „Was hast du getan? Du hast dir selbst ein Todesurteil ausgestellt. Der Schmerz wird dich von innen auffressen. Du wirst ohne mich nie leben.“

Elises fröhliches Kichern mischte sich in sein grausames Lachen. „Seht sie euch an! Sie ist soooo traurig!“

Laura presste die Hände auf den kalten Steinboden und kämpfte gegen die Schmerzschübe an, um nicht wegzusacken. Ihr Blick verschwamm, Dunkelheit kroch von den Rändern heran.

Doch da brannte noch etwas in ihr, und es war nicht nur Schmerz, sondern ein störrischer Lebenswille. Ein Funke, der nicht sterben wollte.

Mit dem letzten Rest Kraft in ihrem Körper stemmte Laura sich hoch. Ihre Beine zitterten heftig, doch sie zwang sich zu stehen. Blut tropfte aus ihrer Nase, und sie schmeckte es auf den Lippen.

Jedes Rudelmitglied starrte in schockierter Stille zu, wie sie zur Tür taumelte, jeder Schritt ein Aufbegehren gegen den Schmerz, der sie zerreißen wollte.

Kieran rief ihr nach, in seiner Stimme mischten sich Lachen und Fassungslosigkeit. „Wohin glaubst du zu gehen? Du bist so gut wie tot!“

Laura blieb im riesigen Torbogen stehen, eine Hand am Rahmen, um sich aufrecht zu halten. Sie drehte den Kopf und begegnete seinem Blick ein letztes Mal.

„Sieh mir zu“, flüsterte sie, die Worte kaum mehr als ein Hauch und doch füllten sie die Halle, erreichten jedes Ohr im Raum.

Dann stieß sie die Türen auf und trat in die Nacht hinaus, ließ alles hinter sich, was sie gekannt hatte – und machte den ersten Schritt, um zu etwas zu werden, das keiner von ihnen sich auch nur vorstellen konnte.

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