Kapitel 1

Perspektive von Ravena

Plötzlich glitt mir der Parfümflakon aus den Fingern, rollte über den Marmorboden und drehte sich um die eigene Achse, bis er unter dem Fenster zum Liegen kam. Ich machte mir nicht einmal die Mühe, ihn aufzuheben. Etwas in der Luft hatte sich verändert, und ich spürte es tief in meinen Knochen. Dieser Duft… Kiefernholz, Wind und Rauch.

Lucien… er war in der Nähe.

Niemand musste es mir sagen. Ich wusste es. Meine Wölfin wusste es.

Einen Moment lang stand ich wie erstarrt da, den Pinsel noch in der anderen Hand umklammert, einen halben Puderstrich auf der Wange. Ich starrte in den Spiegel, aber ich sah nicht mein Spiegelbild. Ich sah die Erinnerung an sein Gesicht; wie seine Augen weich wurden, wenn er mich bei meinem Namen nannte, die Aufrichtigkeit in seinem Versprechen, als er flüsterte, dass er zurückkehren würde.

Ein ganzes Jahr war vergangen.

Ein Jahr, seit die Wachen des Königs in unserer Hochzeitsnacht erschienen waren und seine Anwesenheit auf dem Schlachtfeld verlangt hatten. Ein Jahr, seit er meine Stirn geküsst hatte, gleich nachdem er mir den Ring an den Finger gesteckt hatte. Ein Jahr, seit er mich gebeten hatte, auf ihn zu warten, mit einem halben Lächeln, das seine Augen nicht erreichte.

Und ich hatte gewartet.

Aber ich hatte nicht einfach nur schweigend gewartet.

Ich wurde zur Luna des Blackstone-Rudels, und das nicht nur dem Titel nach. Ich hielt das Territorium am Laufen. Als die Ernte auf den westlichen Feldern ausfiel, handelte ich ein Abkommen mit dem Nachbarrudel aus, damit weiterhin Essen auf jedem Tisch stand. Als die Grenzspäher in einen Hinterhalt gerieten, traf ich mich selbst mit den Kriegern, hörte mir ihre Ängste an, machte ihnen Mut und schickte sie mit einer Strategie zurück. Ich bezahlte aus eigener Tasche einen königlichen Arzt, der sich um Alpha Garrick Throne, Luciens Vater, kümmerte, nachdem eine Wirbelsäulenverletzung ihn gelähmt und verbittert zurückgelassen hatte.

Das Rudel überlebte, weil ich dafür sorgte.

Selbst wenn Garrick Worte ausspuckte, die ich nicht verdiente. Selbst wenn der Rat an mir zweifelte. Selbst wenn die Nächte sich endlos anfühlten und mein Bett leer war. Ich hörte nie auf, Luciens Frau zu sein. Nicht in meinem Herzen. Nicht in meinem Blut.

Während ich mir weiteren Puder aufs Gesicht auftrug, bewegten sich meine Finger mit einer gewissen Ruhe, doch in meinem Inneren tobte ein Sturm der Gefühle.

Würde er mich noch erkennen können? Würde ich ihn noch erkennen können? Der Krieg veränderte die Menschen. Ich hatte es in Garricks Augen gesehen, im Zittern seiner Hände, im Schweigen der Krieger, die zurückkehrten und nie wieder ein Wort sprachen.

Ich schüttelte den Gedanken ab und griff nach meinen Ohrringen – jenen, die er mir am Morgen nach unserer Bindungszeremonie geschenkt hatte. Er sagte, sie erinnerten ihn an die Sterne. Ich legte sie an und strich dann mit den Fingern über die Kette an meinem Hals. Seine Kette. Sein Versprechen. Ich hatte sie jeden Tag getragen, seit er gegangen war.

Draußen hörte ich die Wachen an den vorderen Toren, und plötzlich klopfte es scharf an meiner Tür.

„Lady Ravena!“, rief eine Stimme durch das Holz. „Er ist hier! Alpha Lucien ist gerade an den Haupttoren angekommen!“

Ohne Zeit zu verlieren, wandte ich mich vom Spiegel ab. Meine Hände zitterten, während ich meinen Umhang schloss. Meine Finger zögerten nur eine Sekunde am Verschluss, bevor ich ihn einrasten ließ. Ich ging zur Tür, aber dann blieb ich stehen und sah zurück.

Auf meinem Schminktisch herrschte Chaos. Die Puderdose stand offen, der Parfümflakon lag vergessen unter dem Fenster, und mein Lippenstift war unverschlossen und nur zur Hälfte aufgetragen.

Aber nichts davon war jetzt wichtig. Lucien war zurückgekehrt, und ich konnte es kaum erwarten, ihn zu sehen.

Ich trat aus dem Zimmer, während mein Herz wie eine Kriegstrommel schlug. Das Klackern meiner Absätze hallte durch den Flur, als ich meine Schritte beschleunigte.

Es war mir egal, wie ich aussah. Es war mir egal, dass mein Lippenstift nicht perfekt war.

Er war zu Hause, und alles, was ich wollte, war, ihn zu sehen. Ihn zu berühren. Keine Tagträumereien mehr, kein nächtliches Festklammern an meinem Kissen. Mein Lucien war zurückgekehrt.

Doch in dem Moment, in dem ich das Wohnzimmer betrat, wurde alles in mir… still.

Der Raum war von Gelächter erfüllt. Fröhliche Stimmen hallten von den Wänden wider, als wäre ich in eine Feier geraten, von der ich nichts wusste. Seine Onkel waren da, seine Cousins ebenso – jene, die mir zuvor kaum in die Augen gesehen hatten. Jetzt lächelten sie mich an, als wüssten sie ein Geheimnis, das mir verborgen war.

Und dann sah ich Lucien.

Groß und aufrecht stand er mitten im Geschehen, gekleidet in eine schwarze Lederrüstung, an der noch der Staub des Schlachtfelds haftete. Sein Haar war länger, als ich es in Erinnerung hatte, und zurückgebunden; sein Körper wirkte breiter, härter. Als er sich umdrehte, trafen sich unsere Blicke.

In diesem Moment machte mein Herz einen Sprung und zog sich dann krampfhaft zusammen.

Das war mein Ehemann. Mein Alpha.

Aber irgendetwas stimmte nicht.

Er kam nicht zu mir. Er bewegte sich nicht.

Er stand einfach nur da, seine Miene unheimlich ruhig. Als hätte er gewusst, dass ich kommen würde, und doch … war es ihm völlig gleichgültig.

Ich trat einen Schritt vor, die Hände leicht erhoben. „Lucien, ich …“

Er hob eine Hand – nicht, um nach mir zu greifen, sondern um mich aufzuhalten. „Warte, Ravena. Ich muss dir zuerst etwas sagen.“

Verwirrt erstarrte ich. Die Luft um mich herum schien plötzlich zum Schneiden dicht, während alle Blicke auf mir ruhten. Ihr Lächeln wurde breiter; bei manchen war es voller Mitleid, bei anderen voller Belustigung.

Sogar Garrick, sein Vater, lächelte. Aufrecht saß er in seinem Rollstuhl, in formelle Gewänder gekleidet, und strahlte vor Stolz, als hätte er bereits ein Spiel gewonnen, bei dem ich gar nicht erst mitspielen durfte.

„Ich habe während des Krieges jemanden kennengelernt“, verkündete Lucien plötzlich. „Ihr Name ist Astrid Valea und sie ist eine Soldatin. Eine absolut brillante Soldatin. Sie hat in jeder Schlacht an meiner Seite gekämpft. Sie hat Leben gerettet, sie hat den Ausschlag gegeben. Sie war der Grund, warum wir gesiegt haben.“

Meine Kehle schnürte sich zu. Ich sagte nichts. Ich konnte es nicht.

Lucien sprach einfach weiter, als würde er mich nicht mit jedem einzelnen Wort brechen.

„Sogar der König hat ihre Leistungen gewürdigt. Erst vor wenigen Tagen wurde ihr durch königlichen Erlass der Titel eines Generals dritten Ranges verliehen. Und mehr als das … sie ist meine Schicksalsgefährtin.“

Ich blinzelte langsam und versuchte, die Worte zu begreifen.

Seine … Schicksalsgefährtin?

Ich versuchte zu sprechen, doch ich brachte kein Wort heraus. Das Rauschen des Blutes in meinen Ohren übertönte den Rest des Raumes.

Luciens Vater beugte sich in seinem Stuhl vor, seine Stimme laut und voller Stolz. „Der König hat der Verbindung zwischen Lucien und General Valea bereits zugestimmt. Alles ist in die Wege geleitet. Es wird ein Hochzeitsbankett geben, und Ravena, du wirst die Vorbereitungen leiten.“

Schockiert wandte ich mich ihm zu. „Was?“

Ich sah Lucien an. Meinen Lucien. Meinen Ehemann.

Er starrte mich an, als wäre ich eine lästige Pflicht, für die er endlich einen Weg gefunden hatte, sie loszuwerden.

„Du hast mir einen Schwur geleistet, Lucien. Du hast mich geheiratet. Du hast gesagt …“

„Das war früher“, sagte er tonlos. „Bevor ich wusste, was die Mondgöttin wirklich geplant hatte.“

„Du willst also einfach davonlaufen? Vor allem, was wir hatten? Vor allem, was ich für dich und dieses Rudel getan habe?“

„Ich weiß, dass du hier alles am Laufen gehalten hast, aber die Dinge haben sich nun mal geändert.“

„Weil du jemand anderen gefunden hast“, sagte ich bitter.

Er nickte und versuchte nicht einmal, den Schlag abzufedern. „Ich habe diejenige gefunden, für die ich bestimmt bin.“

Ich lachte auf und kam mir dabei unendlich klein und zerbrochen vor. „Und was bin ich? Ein Platzhalter? Ein warmer Körper, bis die Mondgöttin dir jemanden Besseres gegeben hat?“

„Unsere Ehe wurde arrangiert. Das weißt du. Du hast dem zugestimmt.“

„Ich habe dich angenommen“, erwiderte ich und trat einen Schritt näher. „Ich habe dich geliebt. Ich habe dieses ganze Rudel zusammengehalten, während du fort warst. Ich habe für die Pflege deines Vaters bezahlt. Ich habe mir den Rücken krummgeschuftet, um deinen Ruf makellos zu halten. Ich habe all das getan, was du nicht tun konntest, während du fort warst und den Helden gespielt hast.“

„Du bist wütend. Das habe ich erwartet.“

„Hast du geglaubt, ich würde deinen Verrat einfach so hinnehmen?“

In diesem Moment griff er in seinen Mantel und zog einen gefalteten Brief hervor, der mit goldenem Wachs versiegelt war. Das königliche Siegel funkelte im Licht des Kronleuchters, als er ihn mir entgegenhielt, als hätte er keinerlei Bedeutung.

Ich nahm ihn nicht an. Stattdessen starrte ich nur auf den Brief.

„Was zur Hölle ist das, Lucien?“

Nächstes Kapitel