Kapitel 2
Perspektive von Ravena
In diesem Moment ruhten alle Blicke auf mir; man wartete auf meine Reaktion, als wäre dies eine Aufführung und ich die Hauptdarstellerin.
Meine Brust zog sich zusammen, doch ich brachte ein gezwungenes Lachen zustande. „So endet es also? Du überreichst mir einen königlichen Brief, als wäre er ein Geschenk?“
Lucien sagte nichts.
Die Wucht seines Verrats lastete schwer auf mir, doch ich hielt den Kopf erhoben. Ich betrachtete erneut das goldene Siegel, dann sah ich ihm direkt in die Augen. „Du hast mir Treue geschworen, Lucien. Vor deinen Göttern. Vor meiner Mutter. Du hast mir Versprechen gegeben, an denen ich festgehalten habe.“
„Ich habe nicht gelogen“, sagte er ruhig. „Ich habe daran geglaubt, als ich sie ausgesprochen habe.“
„Wie praktisch“, murmelte ich.
Er trat einen Schritt zurück und verschränkte die Arme. „Hör zu, Astrid ist keine Frau, der du respektlos begegnen darfst. Sie ist eine Generalin, eine Kriegerin und meine Schicksalsgefährtin. Sie wird an meiner Seite stehen, und was dich betrifft: Du wirst mein Kind austragen.“
„Was?“
„Sie wird den Titel der Luna mit dir teilen, mit gleichem Rang und gleichen Rechten. Ich werde nicht zulassen, dass du sie als Untergebene behandelst.“
„Du gibst deiner Schicksalsgefährtin also dieselbe Position wie deiner Luna?“
„Es ist der einzige Weg“, erwiderte er, ohne mit der Wimper zu zucken. „Dieses Rudel braucht ihre Stärke, und sie verdient es, geehrt zu werden.“
Ich starrte ihn angewidert an. „Hörst du dir eigentlich selbst zu?“
Er antwortete nicht, doch sein Vater ergriff das Wort.
„Du solltest dankbar sein, Ravena. Lucien ist großzügig. Nicht viele Männer würden ihrer Luna anbieten, ihr ein Kind zu schenken, wenn die Schicksalsgefährtin anwesend ist.“
Ich fuhr zu ihm herum. „Großzügig?“
„Du bist jetzt seit einem Jahr hier. Du hast deine Pflichten erfüllt, ja. Aber nun ist es an der Zeit, die Zukunft aufzubauen. Die wahre Zukunft.“
„Ihr wollt also, dass ich hier bleibe und ein Kind großziehe, während er mit seiner sogenannten Gefährtin heile Welt spielt?“
Luciens Stimme war ruhig, aber kalt. „Niemand verlangt von dir, dass es dir gefällt. Akzeptiere es einfach. Ich will keine hässliche Trennung.“
„Dann hättest du dich einfach von mir fernhalten sollen“, zischte ich.
Eine lange und schwere Stille erfüllte in diesem Moment den Raum.
Ich sah von Vater zu Sohn. Beide hatten denselben Gesichtsausdruck – hart, selbstsicher und unerbittlich.
„Gut“, sagte ich leise. „Nur zu. Bring diese Astrid her. Lass mich die Frau kennenlernen, die es wert ist, unsere Ehe zu zerstören.“
Lucien zuckte nicht mit der Wimper. Er nickte nur ein einziges Mal, als wäre die Sache damit erledigt.
Ohne ein weiteres Wort drehte ich mich um und ging hinaus.
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Tage vergingen und ich sah ihn nicht wieder. Keine Astrid. Kein Brief. Keine Erklärung.
Ich vergrub mich in Arbeit. Besprechungen. Papierkram. Landabkommen. Kaputte Zäune. Getreideknappheit. Garricks endlose Beschwerden. Das Rudel hörte nicht auf, mich zu brauchen, nur weil Lucien mich nicht mehr aufsuchte.
Und ich fragte nicht nach.
Wenn Lucien mir seine ach so wertvolle Generalin vorstellen wollte, würde er es tun.
Aber tief in meinem Inneren fragte ich mich, ob er auf den richtigen Moment wartete. Oder ob er etwas verbarg.
Ich ging weiterhin an seinem Büro vorbei. Ich ignorierte die Tür beharrlich. Ich hörte auf zu warten. Ich zwang mich einzuschlafen, ohne in Gedanken immer wieder den Moment durchzuspielen, in dem er mich zum letzten Mal berührt hatte. Es war schwer, doch ich gab mir Mühe.
Dann, eines Abends, als ich gerade die Arbeit an einer Schriftrolle des Rates abschloss, summte mein Handy.
Ich runzelte die Stirn und griff danach, zögerte jedoch, als ich die Anruferkennung sah.
Es war der königliche Leibarzt.
Ich nahm ab. „Ja?“
Seine Stimme klang gehetzt und angespannt. „Lady Ravena, es tut mir leid, aber ich kann das nicht mehr. Ich werde nicht zum Blackstone-Anwesen zurückkehren.“
„Was?“ Ich setzte mich schlagartig aufrecht hin. „Was meinen Sie damit?“
„Es ist mir egal, wie viel Sie mir bieten. Ich mache nicht mehr mit. Es tut mir leid.“
„Warten Sie, was ist passiert?“
„Ich kann mit dem Wahnsinn Ihres Schwiegervaters nicht mehr umgehen“, blaffte er. „Er vertraut mir nicht. Er beobachtet mich wie ein Schießhund, beschuldigt mich des Diebstahls, des Versuchs, ihn zu vergiften, echte Kräuter durch Dreck zu ersetzen. Ich bin ein königlicher Leibarzt, kein Quacksalber vom Markt. Ich habe meine Ausbildung beim Solstice Crown Rudel absolviert. Das habe ich nicht verdient.“
„Bitte, beruhigen Sie sich erst einmal. Ich kann mit ihm reden.“
„Das sollten Sie nicht müssen. Sie haben mich fair bezahlt. Sie haben meine Arbeit respektiert. Aber dieser Mann? Er demütigt mich jedes Mal, wenn ich den Raum betrete. Er ist paranoid, Lady Ravena. Und grausam. Ich werde das nicht länger hinnehmen.“
Bevor ich ein weiteres Wort sagen konnte, war die Leitung tot.
Ich saß da, das Handy noch immer ans Ohr gepresst, während mich ein Gefühl der Beklemmung erfasste.
Garrick hatte es schon immer gehasst, dass ich jemanden vom königlichen Hof engagiert hatte. Er beschwerte sich über die Honorare. Meinte, der Mann rede zu viel und arbeite zu langsam. Ich hatte sein Gemecker ignoriert und dachte, er würde sich irgendwann beruhigen.
Offensichtlich hatte ich mich geirrt.
Ich holte tief Luft, stand auf, strich meinen Rock glatt und machte mich auf den Weg zu Garricks Gemächern. Ich hatte keine Energie für einen weiteren kalten Wortwechsel, aber ich wollte ihn fragen, was so schiefgelaufen war, dass der königliche Arzt gegangen war, ohne sich auch nur zu verabschieden.
Als ich den Flur erreichte, hörte ich ein Lachen.
Es war nicht nur Garricks Stimme. Da war noch eine andere Stimme, die weicher und verspielter klang. Dann stimmte eine tiefere Stimme mit ein, die ich sofort als Luciens erkannte.
Ich schlich näher und stützte die Finger gegen den Türrahmen, unschlüssig, ob ich klopfen sollte.
„Sie ist ganz schön forsch, nicht wahr?“, sagte die Frau und lachte leise.
„Forsch und stur“, erwiderte Garrick.
„Und doch hat sie das gesamte Rudel allein geführt“, fügte die Frau hinzu.
„Allein würde ich nicht sagen“, zischte Lucien. „Sie redet einfach nur viel und erwartet, dass man ihr zuhört.“
Garrick und die Frau lachten leise auf.
Ohne nachzudenken, stieß ich die Tür auf, und in dem Moment, als sie knarrte, wandten sich mir alle drei Köpfe zu.
Lucien saß mit geradem Rücken neben seinem Vater, ein schwaches Lächeln spielte noch immer um seine Lippen. Die Frau neben ihm hatte sich auf der Armlehne seines Sessels niedergelassen und lehnte sich viel zu vertraut zu ihm hinüber.
„Ravena“, sagte Lucien angespannt, während er aufstand und sich gerade so weit bewegte, dass er sich zwischen mich und die Frau stellte.
Ich blieb in der Tür stehen und blickte überrascht drein. „Ich wusste gar nicht, dass wir Gäste haben.“
Die Frau schien sich nicht im Geringsten zu schämen. Mit einem süffisanten Grinsen trat sie vor. Sie sah genau so aus, wie ich sie mir vorgestellt hatte – elegant, stolz und kampfbereit, mit jener Art von Selbstbewusstsein, das aus Anerkennung und Macht erwächst.
„Du musst die Luna sein“, sagte sie zuckersüß. „Ich bin Astrid Valea. Ich habe Lucien gebeten, dich kennenlernen zu dürfen. Ich war neugierig.“
Ich hielt ihrem Blick ruhig stand. „Neugierig worauf?“
„Auf dich. Die Frau, die einen Alpha geheiratet hat, obwohl sie wusste, dass sie nicht seine vom Schicksal bestimmte Gefährtin ist. Das erfordert Stärke. Oder Blindheit.“
Ich verzog keine Miene. „Ich war ebenfalls neugierig.“
Sie zog eine Augenbraue in die Höhe.
„Ich war neugierig, wie eine hochdekorierte Generalin, die in der Gunst des Königs steht und kriegserfahren ist, freiwillig einen Mann mit einer anderen teilen würde.“
„Ich teile nicht. Ich stehe an seiner Seite. Wir sind ebenbürtig.“
„Ebenbürtig?“, wiederholte ich. „Warum hast du dich dann hinter ihm versteckt, sobald ich zur Tür hereinkam?“
„Ich bin doch vorgetreten, oder etwa nicht?“
„Ja, nachdem er sich als Erster bewegt hat.“
Astrid verschränkte die Arme. „Du führst dich so selbstgerecht auf, Ravena. Dabei wusstest du genau, worauf du dich einlässt, als du ihn aus Pflichtgefühl geheiratet hast. Steh nicht hier und tu so, als wäre es Liebe gewesen.“
„Ich stand an seiner Seite, als es noch keinen Ruhm gab“, fuhr ich sie an. „Als es noch keine Menschenmassen gab, die seinen Namen riefen. Als sein Vater es nicht aus eigener Kraft aus dem Bett schaffte. Das war ich. Nicht du.“
„Du hieltest einen Titel, kein Herz.“
Plötzlich unterbrach uns Luciens Stimme. „Genug!“
Wir sahen ihn beide an.
„Ich habe dir gesagt, du sollst ihr mit Respekt begegnen, Ravena. Sie ist nicht das Problem.“
Ich lachte auf. „Nein, natürlich nicht. Ich bin das Problem. Die Frau, die du geheiratet hast. Die Frau, die du wie ein Möbelstück im Hintergrund abstellen willst, während du deine Generalin am Hof zur Schau stellst.“
Lucien trat einen Schritt vor, seine Schultern waren angespannt. „Ich habe es dir bereits gesagt. Ich werde dir ein Kind geben. Das war die Abmachung.“
„Du willst, dass ich deinen Erben austrage, während du in einem anderen Bett schläfst?“
„Ich habe nie behauptet, dass wir aufhören müssten, miteinander zu schlafen.“
Astrid reckte das Kinn, als wäre das die normalste Sache der Welt.
„Du bist widerlich“, sagte ich, jedes Wort langsam und deutlich betont. „Du willst zwei Frauen. Eine, die dir ein Kind schenkt. Und die andere, um dein Ego zu nähren.“
„Hüte deine Zunge“, zischte Garrick mit eiskalter Stimme.
Ich ignorierte ihn.
„Ich mache da nicht mit“, sagte ich zu Lucien. „Glaubst du, du kannst mich mit deiner Alpha-Stimme und einem königlichen Siegel kontrollieren? Das kannst du nicht.“
Lucien blinzelte nicht einmal.
„Ich will die Scheidung“, verkündete ich.
Er runzelte die Stirn, jedoch nicht aus Überraschung.
„Ich will, dass du mich auf der Stelle zurückweist.“
Astrid grinste süffisant, doch Luciens Miene versteinerte.
Er trat einen langsamen Schritt auf mich zu. „Das willst du nicht.“
„Doch, das will ich. Ich werde keine Dekoration in deinem Palast sein.“
„Glaubst du, ich tue es nicht?“
