Kapitel 6

Perspektive von Ravena

Es war, als hätte das Schicksal genau diesen Moment gewählt, um mich noch weiter zu demütigen, denn plötzlich schwang die Tür knarrend auf und Luciens Vater erschien; sein kalter Blick glitt durch den Raum wie der eines Falken auf der Suche nach Beute. Astrid folgte ihm, wobei ihre Hand leicht auf der Rückenlehne seines Rollstuhls ruhte, als wäre sie die pflichtbewusste Tochter, die er nie gehabt hatte.

„Was geht hier vor?!“, fragte Garrick scharf.

Sofort lockerte sich Luciens Griff um mich. Ich riss mich los, auch wenn das Brennen seiner Hand noch immer auf meinem Arm lag. Er trat rasch an die Seite seines Vaters, als böte ihm der Schatten des alten Mannes Schutz. Astrid stand stolz neben ihnen, den Kopf hoch erhoben, und richtete ihren selbstgefälligen Blick auf mich, als hätte sie bereits gewonnen.

„Sie ist zum König gegangen“, sagte Lucien bestimmt, seine Stimme fest genug, um durch den ganzen Raum zu hallen. „Sie hat ihn angefleht, seinen Befehl zu widerrufen, dass ich Astrid heiraten muss.“

Garricks Gesichtsausdruck veränderte sich und sein Mund verzog sich zu einem Knurren, als er seinen Blick auf mich richtete. „Es ist also wahr. Du besitzt die Dreistigkeit, hinter dem Rücken dieser Familie zu agieren und den König mit deinen erbärmlichen Intrigen zu beleidigen?“

„Ich habe nie …“

„Wachen!“, brüllte Garrick, und sofort stürmten die beiden Männer von draußen mit erhobenen Speeren herein. „Ergreift sie. Sie hält sich für besonders schlau. Soll sie lernen, welchen Preis leichtsinnige Entscheidungen haben.“

Während die Wachen auf mich zukamen, schrie jeder meiner Instinkte danach, mich durch sie hindurchzukämpfen und Garrick anzugreifen, der dort mit seinem selbstgefälligen Lächeln saß. Aber ich kannte die Wahrheit. Ich war allein in diesem Raum. In der Unterzahl. Wenn ich mich wehrte, würde man mich niederschlagen, bevor ich auch nur die Chance hätte, einen einzigen Treffer zu landen.

Also tat ich das Eine, von dem ich nie geglaubt hätte, dass ich es jemals tun würde. Ich senkte den Kopf und ließ das Feuer in meinen Augen erlöschen – gerade genug, um den Anschein zu erwecken, ich hätte mich gefügt.

„Ich hätte nicht so handeln dürfen“, stieß ich hervor, und die Worte schmeckten bitter auf meiner Zunge. „Es war falsch von mir.“

Die darauffolgende Stille war erdrückend. Dann glätteten sich zu meiner Überraschung Garricks Gesichtszüge. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, während ein zufriedenes Grinsen seine Lippen umspielte.

„Lasst sie los“, befahl er. Die Wachen hielten überrascht inne. „Habt ihr mich nicht gehört? Lasst sie auf der Stelle los.“

Die Männer traten zurück und senkten ihre Waffen. Meine Arme zitterten – nicht vor Angst, sondern vor der enormen Beherrschung, die es mich kostete, still stehen zu bleiben.

Garricks Augen funkelten, als er seinen Blick wieder auf mich richtete. „Du zeigst schnell Reue. Das ist klug. Ich bin heute Nachmittag aus einem bestimmten Grund hierhergekommen, Ravena, und den wirst du dir jetzt anhören.“

Ich schwieg, doch mein Herz hämmerte in meiner Brust.

Er wies auf Astrid, die nun noch aufrechter neben ihm stand, während sich ihre Lippen triumphierend kräuselten. „Es ist an der Zeit, die Zukunft dieses Rudels vorzubereiten. Die Hochzeit zwischen Lucien und Astrid muss arrangiert werden. Und du als Luna wirst dafür sorgen, dass dies angemessen geschieht.“

Ich starrte ihn an. Mein Mund öffnete sich leicht vor Schock und schloss sich wieder, als ein Lachen in meiner Kehle aufstieg.

„Du willst“, sagte ich langsam, „dass ich ihre Hochzeit plane?“

„Ja.“ Garricks Tonfall duldete keinen Widerspruch. „Das ist deine Pflicht als Luna. Du wirst dich um die Vorbereitungen kümmern, um die Gästelisten und die Abläufe. Du wirst die finanziellen Mittel von deinen Konten beisteuern. Das Rudel muss Einigkeit sehen, keine Zwietracht.“

Meine Hände ballten sich an meinen Seiten zu Fäusten, und meine Nägel gruben sich in die Handflächen. „Du glaubst ernsthaft, ich werde für ihre Hochzeit bezahlen?“

„Es ist kein Glaube“, erwiderte Garrick ruhig, ohne mich auch nur eine Sekunde aus seinen kalten Augen zu lassen. „Es ist eine Erwartung. Du wirst gehorchen, denn Gehorsam ist das Einzige, was dir noch bleibt. Du magst den Titel der Luna tragen, aber dieser Titel bedeutet gar nichts, wenn du ihm nicht gerecht werden kannst. Du wirst dich nützlich machen, Ravena, selbst wenn das bedeutet, für die Zeremonie zu bezahlen, die dieses Rudel endlich wieder auf den richtigen Weg bringt.“

Astrid legte den Kopf schief; ihr Lächeln war zuckersüß, fast schon spöttisch. „Es ist doch gar nicht so schwer, oder? Eine Luna hat die Aufgabe, ihren Alpha zu unterstützen. Du kannst immer noch deine Rolle spielen.“

Ich richtete meinen Blick auf sie, während die Wut in mir jede noch so sorgfältig errichtete Mauer durchbrach. „Du sprichst, als hättest du auch nur das geringste Recht, irgendetwas von mir zu verlangen.“

Astrids hämisches Grinsen wurde breiter. „Du hast recht. Ich muss nicht fragen. Denn Lucien hat sich für mich entschieden.“

Ich sah Lucien an. Sein Blick huschte zu mir, aber er rührte sich nicht. Meine Lippen verzogen sich zu einem kaum merklichen Lächeln, als ich die Worte lautlos für ihn formte. „Brauchst du mein Geld?“

Wie sich seine Kiefermuskeln anspannten, verriet mir, dass er mich verstanden hatte. Für einen Moment flackerte Scham über sein Gesicht, die schnell von Wut verdrängt wurde. Er schob den Stuhl seines Vaters beiseite und trat vor. „Ich brauche dein Geld nicht. Ich habe mein eigenes.“

Garrick blaffte: „Sei kein Narr, Lucien. Diese Hochzeit wird kein billiges Unterfangen. Hunderte von Mäulern müssen gestopft werden, zahllose Fässer mit Wein und Bier. Die Krieger erwarten Fleisch, die Ältesten erwarten Gold. Braut und Bräutigam brauchen neue Gewänder, und jeder Gast wird genau hinsehen. Hier geht es nicht um Stolz, es geht um Pflicht. Und dafür brauchen wir ihr Geld.“

Sein Finger deutete auf mich, scharf und anklagend, als wäre ich nichts weiter als ein Geldbeutel, in den er jederzeit nach Belieben hineingreifen konnte.

Ich lächelte langsam. „Wenn es das ist, was ihr wollt, dann soll es so sein. Ich werde persönlich die Palastschneider hierher holen. Astrids Kleid wird aus Seide und Goldfäden gefertigt werden. Lucien wird Gewänder bekommen, die eines Königs würdig sind. Die Gäste werden geblendet sein. Sogar die Dienerschaft wird neue Kleider tragen.“

Astrids Augen leuchteten auf. Garrick lehnte sich zurück, ein Ausdruck der Freude auf seinem Gesicht. „So sollte eine tugendhafte Luna sprechen. Endlich zeigst du etwas Verstand.“

Aber ich ließ ihn diesen Moment nicht auskosten. Ich legte den Kopf schief und mein Lächeln wurde kalt. „Und natürlich werde ich über alles Buch führen. Über jede Münze. Jeden Stoffballen. Jeden Tropfen Wein. Wenn alles vorbei ist, wird Lucien mir alles zurückzahlen.“

Die Freude auf Garricks Gesicht schlug so schnell in Wut um, dass es fast schon amüsant war. Seine Hand schlug krachend auf die Armlehne seines Stuhls. „Undankbares Gör! Du wagst es, von Rückzahlung zu sprechen? Du beleidigst dieses Rudel, indem du deiner Pflicht ein Preisschild umhängst.“

„Ich beleidige niemanden“, sagte ich deutlich. „Ich werde keine Hochzeit finanzieren, die nur dazu dient, mich abzuservieren. Wenn ihr Astrid wollt, könnt ihr ihre Krone selbst bezahlen.“

„So sprichst du nicht mit mir. Du trägst den Titel der Luna, weil wir es zugelassen haben. Du bist hier, weil dieses Rudel Mitleid mit dir hatte, als deine Familie nur noch aus Asche und Staub bestand. Wenn du gehen willst, schön, aber das Geld bleibt hier. Du wirst es nicht mitnehmen. Es gehört hierher.“

„Du kannst mir alles nehmen, Garrick, aber du wirst mir nicht das nehmen, was ich mit meinen eigenen Händen erarbeitet habe. Nicht die Felder, die ich verkauft habe, nicht das Gold, das ich gespart habe, und nicht die Mitgift, die mein Vater mir vor seinem Tod gegeben hat. Nichts davon gehört dir.“

Lucien blaffte plötzlich, seine Augen blitzten, als er erneut einen Schritt vortrat. „Ich pfeife auf ihr dreckiges Geld!“

Bevor ich antworten konnte, zupfte Astrid leicht an seinem Arm. „Lucien, sei nicht so stolz. Sie hat mehr Geld, als du dir vorstellen kannst. Warum es verschwenden? Wenn sie geht, ist es nur richtig, dass sie es zurücklässt. Das Rudel wird besser dastehen. Wir könnten unsere Krieger stärken, die Häuser verbessern. Ihr Geld könnte dem Volk dienen.“

Luciens Kiefer mahlte, aber er widersprach ihr nicht. Dieses Schweigen schrie wieder einmal lauter als Worte.

Meine Brust brannte, aber ich wich nicht zurück. Langsam wandte ich mich ihnen zu und ließ meinen Blick über Astrids selbstgefälliges Gesicht, Garricks Wut und Luciens Scham wandern.

„Ihr sprecht alle von meinem Geld, als wäre es euch bereits in die Hände geschüttet worden. Ihr glaubt, ihr könntet über meinen Wert bestimmen. Ihr glaubt, ihr könntet verlangen, dass ich mich beuge, euch die Schlüssel zu allem übergebe, was ich aufgebaut habe, und mich auch noch für dieses Privileg bedanke.“

Astrids Lippen öffneten sich, bereit zu einer Erwiderung, doch ich hob die Hand und brachte sie zum Schweigen, bevor sie auch nur ein Wort sagen konnte.

„Wenn ihr mein Geld wollt“, sagte ich und fixierte jeden von ihnen der Reihe nach, „ist das in Ordnung.“

Ich trat vor, erhobenen Hauptes, während mein Wolf heiß und ruhelos in mir auf und ab tigerte.

„Aber nur, wenn ihr mich in einem Kampf besiegen könnt.“

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