Kapitel 7 Blasen und blaue Flecken

Grave Digger fuhr fort zu erklären: „Sie sagte, sie wolle sich nie wieder hilflos fühlen. Sie hat sich nur ein einziges Mal in ihrem Leben hilflos gefühlt, und das hätte sie beinahe das Leben gekostet. Sie sagte: nie wieder, und hat gelernt, nicht nur ihr eigenes Leben zu schützen, sondern auch das der Menschen um sie herum.“

„Du willst also sagen, selbst ohne ihre Waffen könnte sie uns immer noch fertig machen?“, fragte Memphis mit hochgezogener Braue.

„So ziemlich.“ Grave Digger nickte.

Memphis schnaubte. „Das würde ich gern sehen.“

Grave Digger bedachte ihn mit einem unbeirrbaren Blick. „Treib sie nicht wie ein Tier in die Enge, Memph, sonst gefällt dir vielleicht nicht, wie sie aus dieser Ecke wieder herauskommt.“

Zeus starrte Grave Digger einen Moment lang nur an, dann stand er vom Tisch auf. „Ich gehe ins Bett. Morgen können wir versuchen, mehr Fragen zu stellen. Sie geht nirgendwohin, bis ich weiß, dass sie keine Bedrohung für uns ist.“ Er ging den Flur hinunter.

Memphis sah zu, wie sein Bruder in sein eigenes Schlafzimmer verschwand. Dann blickte er zu Grave Digger hinüber und schüttelte den Kopf. „Morgen wird ein verdammt interessanter Tag.“

Eine Weile später …

Marty wachte von einem wimmernden Geräusch auf. Sie drehte den Kopf und sah Angel, der die Tränen übers Gesicht liefen. Sie wandte sich ihr zu und spürte zwischen ihnen eine kalte, nasse Stelle. Als sie hinabblickte, sah sie, dass Angel ins Bett gemacht hatte.

Marty sah sie an und erkannte die Angst in ihren Augen. „Oh, mein Mädchen“, flüsterte sie. „Alles wird gut, so was passiert.“ Sie setzte sich auf und griff nach ihrem Handy. Es war so gegen zwei Uhr morgens, und das Nachtlicht warf einen Schatten über das ganze Zimmer.

Sie hatte ihren langen Mantel schon früher ausgezogen, ebenso Jeans und Stiefel. Sie drehte sich zu Angel um und lächelte. „Na, Kleines, wir machen dich sauber, und dann legen wir uns wieder hin und schlafen noch ein bisschen, ja?“

Angel starrte sie nur an.

Marty fragte: „Hast du saubere Sachen, vielleicht einen Schlafanzug?“

Angel nickte und zeigte auf die Kommode auf der anderen Seite des Zimmers.

„Gut, dann kriegen wir das hin“, sagte Marty zu ihr. Sie stand vom Bett auf, ging zur Kommode und zog eine der oberen Schubladen auf. Sie fand saubere Unterwäsche und einen Schlafanzug. Dann ging sie zu ihrem langen Mantel und tastete die Taschen nach ihren eigenen sauberen Sachen ab, bevor sie sich wieder zu Angel drehte. „Komm schon, kleine Angel, wir gehen baden.“

Angel streckte langsam die Hand nach ihr aus.

Marty wartete geduldig. Dann beugte sie sich hinunter und flüsterte: „Du musst mir zeigen, wo das Badezimmer ist, weil ich nicht weiß, wo es ist.“

Angel lächelte, nahm ihre Hand und ging zur Tür, um sie zu öffnen. Der Flur dahinter lag im Dunkeln, aber Angel kannte sich aus. Sie führte Marty den Flur entlang zum Hauptbad. Über die Schulter blickend hob sie den Finger an die Lippen, als wollte sie sagen: leise.

Marty nickte, öffnete die Tür, und sie gingen hinein. Sie schloss die Tür vorsichtig und schaltete das Licht an.

Angel kniff bei der Helligkeit die Augen zusammen und zeigte Marty dann die Wanne.

Marty ließ das Wasser einlaufen und wandte sich zu Angel. „In Ordnung, Liebling, wir ziehen die nassen Sachen aus und machen dich wieder sauber.“

Angel wich vor ihr zurück und schüttelte den Kopf.

Marty drehte das Wasser ab und setzte sich auf den Boden. Sie winkte Angel zu sich heran, und als das kleine Mädchen sich neben sie setzte, legte Marty den Arm um sie. „Weißt du was, Kleines, ich glaube, ich kann’s dir nicht mal übel nehmen. Ich bin eine Fremde für dich, und ich weiß nicht, ob ich mich mit irgendwem ausziehen wollen würde. Wie wär’s damit? Du ziehst nur deine Jeans aus, dann sind wir beide in Unterwäsche und Shirt, und ich steige mit dir in die Wanne.“

Angel schien über die Idee nachzudenken, den Kopf schräg gelegt, während sie Marty ansah.

„Baden kann Spaß machen, wenn man weiß, wie man’s anstellt“, sagte Marty.

Angel starrte sie noch einen Moment an, dann stand sie auf und begann, ihre nassen Jeans auszuziehen. Sie ging zur Wanne, drehte sich um und wartete, dass Marty zu ihr kam.

Gerade als Marty aufstand, entdeckte sie etwas auf dem oberen Regalbrett und lächelte. Sie sah zu Angel hinüber und griff nach dem Schaumbad. „Sollen wir Schaum dazu tun?“

Angel nickte und lächelte.

Marty drehte das Wasser wieder auf und kippte einen ordentlichen Schwall von dem flüssigen Schaum hinein.

Angel klatschte in ihre kleinen Hände und schwenkte das Wasser hin und her.

Schon bald war die Wanne halb voll.

Marty stieg hinein und streckte Angel die Hände entgegen, damit sie zu ihr kommen konnte.

Als sie das kleine Mädchen in die Wanne hob, sah sie, dass Angels letztes Bad wohl eine Weile her sein musste. Ihre Füße waren von Dreck und Schmutz verfärbt, aber Marty sagte nichts dazu. Sie setzte sie einfach in das warme Wasser.

Eine Weile spielte sie mit ihr; sie häuften Schaumberge auf ihren Händen auf und pusteten sie sich gegenseitig zu.

Schließlich nahm Marty den Waschlappen hoch und begann, sanft ihre Beine und Arme zu waschen. Als sie mit dem Lappen über Angels Rücken fuhr, zischte Angel. Marty hielt inne und schlang die Arme um das kleine Mädchen. „Ist gut, Liebling. Wie wär’s, wenn wir stattdessen deine Haare waschen?“

Angel nickte langsam.

Marty spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Behutsam machte sie Angels rotes Haar nass, wusch es mit Shampoo und spülte es wieder aus. Als sie fertig waren, schmiegte sie das kleine Mädchen an sich und flüsterte: „Ich weiß nicht, wer dir wehgetan hat, Süße, aber ich werde es nie tun. Bei mir bist du sicher, immer. Ich weiß, vielleicht brauchst du Zeit, um mir zu vertrauen, aber die gebe ich dir.“ Sie seufzte tief und sagte dann zu ihr: „Als ich so alt war wie du, hatte ich eine Schwester, die mir gern wehgetan hat. Sie hat es getan, weil sie einfach gemein war. Ich habe nie etwas gemacht, um es anzufangen, aber ich habe es vor meinem Vater versteckt. Ich wollte nicht, dass er merkt, was los ist, und ich wollte nicht, dass meine Schwester Ärger bekommt. Ich wusste, sie würde mir noch schlimmer wehtun, wenn ich’s täte.“

Angel drehte sich um und starrte zu Marty hoch; der Blick in ihren Augen war um Jahre älter, als er sein dürfte. Angel streckte die Hand aus und berührte die Narbe auf dem Handrücken von Martys rechter Hand. Dann sah sie Marty wieder an.

Marty nickte. „Ja, das hat meine Schwester mir angetan. Das war das eine Mal, dass mein Vater sie erwischt hat, und Junge, hat sie dafür Ärger bekommen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Es war zu spät, als dass es noch etwas geändert hätte, aber das hat meine Schwester nicht aufgehalten.“

Angel stand auf und drehte sich um, um ihr Hemd aufzuknöpfen.

Als sie es schließlich auszog, sah Marty die blauen Flecken auf ihrem Rücken und an den Beinen. Tränen liefen Marty über die Wangen, als Angel sich wieder ins Wasser setzte. „Oh, Süße, das tut mir so leid“, flüsterte Marty und hielt das kleine Mädchen fest an sich.

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