Kapitel 2 Ein Angebot, das ich einfach nicht ablehnen konnte

In Mayas Wohnung hing der Gestank von billigem Wein.

Seit sechs Wochen hauste ich auf ihrer Couch und vegetierte in diesem seltsamen Schwebezustand vor mich hin – irgendwo zwischen der frischen Trennung und der Erkenntnis, dass ich mir langsam überlegen sollte, wie es weitergeht.

Ich war nicht in meine Wohnung zurückgekehrt. Also hatte Maya ihren Bruder geschickt, um das Nötigste für mich zusammenzupacken. Kleidung, Kosmetikartikel, meinen Laptop, die Kiste mit den Sachen meiner Mutter. Alles andere konnte meinetwegen verrotten.

Auf dem Holztisch mitten in Mayas Wohnzimmer vibrierte mein Handy unaufhörlich, weil Nachrichten eingingen, die ich ohnehin nicht beantwortete.

Alte Freunde, die Details wissen wollten. Joel, der mir von fremden Handys aus schrieb, weil ich seine Nummer blockiert hatte. Sogar seine Mutter hatte einmal angerufen – was schon ein starkes Stück war, wenn man bedachte, dass sie zehn Jahre lang keinen Zweifel daran gelassen hatte, dass ich für ihren kostbaren Sohn nicht gut genug war.

Ich hatte aufgehört, regelmäßig zu duschen. Aufgehört, richtige Kleidung anzuziehen. Stattdessen schaute ich ganze Serienstaffeln am Stück, nur um die Stille zu füllen. Maya verbrachte lange Arbeitstage im Büro der Titans und überließ mich der Autoplay-Funktion von Netflix. Mein Leben wurde allmählich erbärmlich.

Joels Hochzeitseinladung traf an einem Donnerstag ein.

Maya brachte die Post herein und warf sie auf die Kücheninsel, während sie Reste vom Thailänder aufwärmte. Ich lag der Länge nach auf der Couch, trug ihren viel zu großen Titans-Hoodie und eine Leggings, die ich nun schon den dritten Tag in Folge anhatte.

„Die Post ist da“, rief Maya. „Hauptsächlich Rechnungen und Kreditkartenangebote.“

Ich gab nur ein Grunzen von mir.

Maya tauchte mit einem Teller Pad Thai im Türrahmen auf. Sie hatte einen seltsamen Gesichtsausdruck aufgesetzt – etwas Berechnendes, bei dem sich mir sofort der Magen umdrehte.

„Was?“ fragte ich.

„Interessante Post.“ Sie hielt einen dicken, cremefarbenen Umschlag hoch. Teures Papier mit eleganter Kalligrafie.

Mein Name war falsch geschrieben. H-A-R-P-O-R.

„Ist das …“ Ich setzte mich langsam auf.

„Die Hochzeitseinladung deines Ex-Freundes? Ja.“ Maya kam näher. „An dich adressiert. Begleitperson erwünscht. Abendgarderobe. Eine Hochzeitsfeier in irgendeinem Resort auf der Olympic-Halbinsel. In drei Monaten.“

Ich starrte auf den Umschlag. Mein Name, in hübscher Schnörkelschrift falsch geschrieben.

„Er hat mich zu seiner Hochzeit eingeladen“, sagte ich langsam. „Joel hat mich tatsächlich eingeladen, damit ich zusehe, wie er eine andere heiratet.“

Maya zog die Karte aus dem Umschlag und klappte sie auf. „Hör dir das an. Joel Hartley und Brianna Cross laden dich voller Freude ein, den Bund fürs Leben mit ihnen zu feiern, während sie ihr gemeinsames Für-immer beginnen. Für immer, Harper. Der Typ, der dich abserviert hat, weil sein Agent meinte, eine feste Bindung würde seinem Image schaden, nimmt jetzt das Wort Für-immer in den Mund.“

Etwas in meiner Brust riss. Es war kein Herzschmerz. Den hatte ich schon vor Wochen restlos aus mir herausgewrungen. Das hier war pure Wut, gepaart mit tiefer Demütigung.

„Sie hat meinen Namen falsch geschrieben“, sagte ich leise.

„Ich weiß.“

„Zehn Jahre lang habe ich sein komplettes Leben organisiert. Ich kannte seine Sozialversicherungsnummer auswendig. Den Geburtstag seiner Mutter. Seine Kaffeebestellung in vier verschiedenen Cafés. Und sie weiß nicht einmal, wie man meinen Namen schreibt.“

Ich stand auf und riss Maya die Einladung aus der Hand. Las sie selbst. Das Datum: 14. August. Die Location: Serenity Resort and Spa. Für die Unterkunft ist gesorgt. Anschließender Empfang.

„Er will, dass ich dabei zusehe, wie er sie heiratet“, sagte ich. „So eine Art kranker Schlussstrich, mit dem er beweisen will, dass er mit uns abgeschlossen hat.“

Maya schwieg einen Moment. „Oder du gehst einfach hin“, sagte sie dann.

Ich sah sie an. „Auf gar keinen Fall.“

„Lass mich ausreden …“

„Nein. Ich werde ganz sicher nicht auf Joels Hochzeit aufkreuzen wie die erbärmliche Ex-Freundin, die nicht loslassen kann.“

„Genau deshalb solltest du hingehen“, sagte Maya. Ihre Stimme hatte einen professionelleren Klang angenommen. Das war PR-Maya. „Aber nicht allein. Und schon gar nicht traurig.“

„Wovon redest du?“

Maya holte ihr Handy hervor und drehte den Bildschirm zu mir.

Es war ein Nachrichtenartikel. Die Schlagzeile lautete TITANS-SPIELER LAWSON NACH SCHLÄGEREI IN BAR SUSPENDIERT – Video zeigt Angriff auf Zivilisten.

Darunter war das Foto eines Mannes zu sehen, der von der Polizei abgeführt wurde. Groß, offensichtlich ein Sportler, mit dunklem Haar und kantigem Kinn. Sein Gesichtsausdruck lag irgendwo zwischen rasend vor Wut und völlig resigniert.

„Wer ist das?“ fragte ich.

„Crew Lawson. Rechter Flügelstürmer der Seattle Titans. Einer der besten Spieler der Liga, wenn er mir nicht gerade das Leben zur Hölle macht.“ Mayas Gesichtsausdruck war schwer zu deuten. „Und aktuell mein größtes berufliches Problem.“

Ich sah mir das Foto noch einmal an. Selbst auf diesem Bild, das im Grunde einem Polizeifoto glich, lag eine tiefe Intensität in seinen Augen.

„Was hat das mit Joels Hochzeit zu tun?“

Maya grinste süffisant. „Alles. Setz dich.“

Ich setzte mich.

Maya rief einen weiteren Artikel auf, in den ein Video eingebettet war. „Vor zwei Wochen war Crew in einer Bar in der Innenstadt. Ein Betrunkener hat eine Frau begrapscht, die gerade gehen wollte. Crew ist dazwischengegangen und hat ihn vor die Tür gesetzt. Der Typ hat nach Crew geschlagen … und er hat sich verteidigt. Aber das einzige Video, das viral ging, zeigt nur, wie Crews Faust im Gesicht des Typen landet. Völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Jetzt stellen ihn die Medien als gewalttätigen Schläger dar. Seine Werbepartner springen ab. Das Team ist stinksauer. Noch ein Zwischenfall, und seine Karriere ist vorbei.“

„Das ist ja furchtbar“, sagte ich. „Aber was hat das mit mir zu tun?“

Maya lehnte sich vor. „Crew muss geläutert wirken. Als hätte er jemanden gefunden, der ihn dazu bringt, ein besserer Mensch sein zu wollen. Jemanden, der gebildet, sympathisch und authentisch ist. Und du musst auf Joels Hochzeit auftauchen, glücklich und über ihn hinweg, mit jemandem an deiner Seite, der Joel um den Verstand bringt.“

Mir stockte der Atem. „Du willst, dass ich eine Fake-Beziehung mit ihm anfange.“

„Du willst allen Ernstes, dass ich einem Eishockeyspieler etwas vormache.“

„Nicht irgendeinem Eishockeyspieler.“ Maya rief ein weiteres Foto auf, das Crew in seiner Ausrüstung zeigte.

„Joels größtem Rivalen. Sie haben in Minnesota zusammen in der Juniorenliga gespielt. Crew hat Joel die ganze Saison über Vorlagen geliefert. Joel hat in den Interviews die Lorbeeren dafür kassiert und wurde als Fünfzehnter gedraftet. Crew wurde nicht gedraftet und musste sich mühsam nach oben kämpfen. Die beiden hassen sich seit zwölf Jahren.“

Ich starrte sie an. „Du willst, dass ich mit Joels Feind ausgehe und auf seiner Hochzeit auftauche.“

„Ich will, dass du dort glücklich wirkst, an der Seite von jemandem, der objektiv betrachtet viel besser ist als er. Crew ist größer, reicher, erfolgreicher. Und die psychologische Kriegsführung, seinen alten Rivalen zu daten? Ein netter Bonus.“

„Das ist doch Wahnsinn.“

„Ist es das?“ Mayas Stimme wurde sanfter. „Harper, du liegst seit sechs Wochen auf meiner Couch, isst Eiscreme und starrst auf den Fernseher. Du hast deinen Job gekündigt. Du weigerst dich, in deine Wohnung zurückzukehren. Joel hat dir deine gesamte Identität entrissen. Du warst zehn Jahre lang sein Rückhalt, und jetzt weißt du nicht mehr, wer du ohne ihn bist.“

Sie rückte näher. „Also, hier ist mein Angebot. Drei Monate lang jemand anderes sein. Jemand Selbstbewusstes. Jemand, der so sehr mit der Vergangenheit abgeschlossen hat, dass Joels Hochzeit überhaupt keine Rolle mehr spielt.“

„Nur zum Schein abgeschlossen“, sagte ich.

„Spielt das eine Rolle? Wenn du es lange genug vortäuschst, wird es vielleicht irgendwann echt … Wer weiß? Und außerdem wirst du dafür bezahlt. Fünfzigtausend Dollar.“

Ich setzte mich kerzengerade auf. „Was?“

„Crew verdient acht Millionen im Jahr. Fünfzigtausend sind ein Klacks für ihn. Aber für dich? Das reicht, um die Praxis zu eröffnen, von der du seit dem College sprichst.“

Die Praxis. Mein Traum. Der Traum, den ich aufgegeben hatte, als Joel nach Seattle berufen wurde.

„Du meinst das völlig ernst.“

„Absolut. Es geht nur um drei Monate. Öffentliche Auftritte und Social-Media-Posts. Ihr lasst die Leute glauben, dass es zwischen dir und Crew ernst ist. Dann tauchst du an Crews Arm auf Joels Hochzeit auf und kassierst dein Geld. Danach geht ihr beide eurer Wege, und die Sache ist sauber vom Tisch.“

Ich sah mir das Foto von Crew erneut an. Er sah nicht aus wie jemand, mit dem man leicht eine Fake-Beziehung führen konnte. Ich hatte das Gefühl … er würde sich eher als harte Nuss erweisen.

„Was ist, wenn die Leute es uns nicht abkaufen?“

„Du hast zehn Jahre damit verbracht, dir einzureden, dass du in einer Beziehung glücklich bist, die dich erstickt hat. Wenn du das vortäuschen konntest, schaffst du auch drei Monate mit einem Typen, der tatsächlich auf deiner Seite steht.“

„Er kennt mich doch gar nicht.“

„Noch nicht. Aber du wirst ihn kennenlernen. Und wenn du ihn hasst, kannst du immer noch einen Rückzieher machen. Aber triff dich wenigstens mit ihm, bevor du eine Entscheidung triffst.“

Ich saß da, und plötzlich strömten unzählige Gedanken auf mich ein.

Gedanken an Joel und unser letztes gemeinsames Abendessen. An den Ring, den er mitgebracht hatte, nur um dann zu beschließen, dass ich ihn nicht wert war. An Brianna, die nicht einmal meinen Namen richtig buchstabieren konnte. Und daran, wie ich allein auf dieser Hochzeit auftauchen und damit beweisen würde, dass ich genau so gebrochen war, wie sie alle erwarteten.

Oder …

Ich konnte mit Crew Lawson dort aufkreuzen und zusehen, wie Joels Gesichtszüge entgleisten, genau wie meine damals.

„Wann lerne ich ihn kennen?“ fragte ich.

Mayas Lächeln hätte die ganze Stadt mit Strom versorgen können. „Morgen. Um vierzehn Uhr in meinem Büro. Versuch, etwas Anständigeres anzuziehen … etwas, das nicht nach Thai-Essen riecht.“

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