Kapitel 2 Sie ist zurück

In der ungezähmten Wildnis östlich von Emerald City heulte der Wind ein klagendes Lied durch die Bäume.

Ein tiefes Knurren schnitt durch den Wind. Im hohen Gras leuchtete in der Dunkelheit ein Paar gelbgrüner Augen auf, den Blick starr auf das kaum atmende Mädchen am Boden gerichtet. Für eine ausgehungerte Bestie war der Geruch von frischem Blut eine berauschende Einladung.

Mit einem kehligen Knurren sprang es vor.

Reißzähne bohrten sich in Isabellas Handgelenk.

Ein scharfer, sengender Schmerz riss sie aus ihrem Dämmerzustand. Bin ich tot? Wo bin ich?

Das Reißen an ihrem Fleisch zwang sie, den Kopf zu heben, und ihr Blick kreuzte sich mit dem des Raubtiers. Dieser wilde Blickkontakt riss sie schlagartig in ein furchteinflößendes, klares Bewusstsein. Das hier war nicht das Jenseits. Das hier war Überleben.

Ohne zu zögern stieß sie ihre freie Hand nach vorn und rammte dem Wolf die Finger ins Auge. Ein gellendes Jaulen zerriss die Nacht. Als die Bestie zurückschreckte, rappelte sich Isabella auf die Knie. Mit der einen Hand packte sie seinen Nacken, mit der anderen rammte sie ihm das spitze Ende eines Astes, den sie zu fassen bekommen hatte, direkt durch die Kehle.

Mit weiß hervortretenden Knöcheln hielt sie ihn in diesem Griff, bis auch das letzte Zucken des Lebens den Körper der Bestie verließ. Erst dann löste sie ihren Griff, während ihr Atem in stoßweisen, rauen Zügen ging.

Sie sah sich um. Das wild wuchernde Gras, die verstreuten Felsen, die erstickende Dunkelheit … Heather Bluff.

Der Name hallte in ihrer Erinnerung wider und brachte eine Flutwelle eisigen Entsetzens mit sich. Das war Heather Bluff, im Westen der Stadt. Das war die Nacht, in der Bianca die Treppe „hinuntergefallen“ war. Die Nacht, in der Olivia sie bestraft und gezwungen hatte, stundenlang zu knien, bis sie zusammenbrach. Die Nacht, in der man sie hier zum Sterben zurückgelassen hatte, nur damit sie später von einem freundlichen Fremden gefunden wurde.

Alles hier war identisch mit jener Nacht vor vier Jahren.

Nein. Eine eiskalte Erkenntnis überkam sie. Das hier war nicht das Jenseits.

Das war eine zweite Chance.

In ihrem früheren Leben hatte sie so verzweifelt versucht, es ihnen recht zu machen, sich ihre Liebe zu verdienen, nur um mit Verachtung und letztlich dem Tod bestraft zu werden. Sie war für die Zuneigung ihrer Eltern und Brüder im Staub gekrochen.

Dieses Mal würde sie nicht mehr um ein paar Krümel Zuneigung betteln. Dieses Mal zählte nur sie selbst.

Isabella leckte sich über die aufgesprungenen Lippen, während ihr Blick auf die grausige Szenerie fiel. Sie riss den blutigen Ast aus dem Kadaver des Wolfes, nutzte ihn als Krücke und humpelte den Bergpfad hinab.


Die Taylor-Villa.

Am Esstisch legte Bianca ihre Gabel beiseite, ihre Miene eine Maske sanfter Besorgnis. „Chase“, sagte sie zu dem tadellos gekleideten Mann ihr gegenüber, „Isabella ist immer noch nicht zurück. Sollen wir auf sie warten?“

„Wenn sie es nicht für nötig hält, pünktlich zu sein, ist das ihr Problem“, erwiderte Chase, und in seiner Stimme lag nicht die Spur von Wärme. „Die Welt dreht sich nicht um sie. Sie ist es nicht wert.“

„Bianca, iss einfach“, warf Gabriel ein, und schon bei der bloßen Erwähnung von Isabella schwang ein Hauch von Ekel in seiner Stimme mit. Er legte ein paar Scheiben Rindfleisch auf Biancas Teller. „Dein Lieblingsessen. Du bist viel zu dünn geworden.“

Bianca schenkte ihm ein süßes, dankbares Lächeln. „Danke, Gabriel.“

In diesem Moment öffnete sich die Haustür.

Isabellas Silhouette zeichnete sich im Türrahmen ab. Sie trug ein billiges, zerrissenes T-Shirt, ausgewaschene Jeans und völlig schlammverkrustete Stoffschuhe. In der opulenten Villa wirkte sie wie ein falscher Ton in einer Symphonie des Luxus.

Chase blickte auf, nahm ihre Anwesenheit flüchtig wahr und ignorierte sie dann sofort wieder.

Tobias, der gerade penibel sein Steak schnitt, runzelte die Stirn. „Was ist denn mit dir passiert?“, fragte er, und seine Stimme triefte vor Verachtung.

Isabella sagte nichts, ihr Blick war starr auf den Esstisch gerichtet, während sie näher trat.

„Mach dich sauber, bevor du auch nur daran denkst, dich zu setzen“, befahl Tobias kühl. „Bianca hat ein schwaches Immunsystem; das Letzte, was sie braucht, ist dein Dreck.“

Isabellas Schritte gerieten ins Stocken. Sie sah Tobias an, ihre Miene unergründlich, wandte sich dann ab und ging wortlos nach oben.

Tobias hielt inne, die Gabel auf halbem Weg zum Mund, ein Aufblitzen von Überraschung in seinen Augen. Seit sie aus der Wildnis zurückgebracht worden war, war dieses Mädchen auf geradezu erbärmliche Weise bemüht gewesen, es allen recht zu machen, verzweifelt darauf bedacht, dazuzugehören. Ihre Augen hatten stets den flehenden Blick eines Straßenhundes gehabt.

Aber der Blick, den sie ihm gerade zugeworfen hatte … er war kalt. Gleichgültig. So hatte er sie noch nie gesehen.


Isabella betrat ihr Zimmer am Ende des Flurs. Es war eine umgebaute Abstellkammer, eng und fensterlos, nur mit einem schmalen Bett, einem angeschlagenen Kleiderschrank und einem gesprungenen Spiegel eingerichtet. Vier Jahre lang war sie dankbar für diesen dunklen, luftlosen Raum gewesen, dankbar, dass sie sie überhaupt aufgenommen hatten.

Sie starrte auf ihr Spiegelbild. Erinnerungen an ihr früheres Leben zogen vor ihrem inneren Auge vorbei – jedes vorsichtige Wort, jeder verzweifelte Versuch, ihre Gunst zu gewinnen. Sie hatten den Deckmantel der Familie genutzt, um sie herabzuwürdigen, zu demütigen und letztendlich fallen zu lassen.

Sie atmete tief durch. Die wahre Tochter der Familie Taylor würde nicht im Schatten leben.


Als Isabella wieder nach unten kam, war das Mittagessen bereits zur Hälfte vorbei.

Sie hatte sich saubere Kleidung angezogen, doch die wahre Verwandlung zeigte sich in ihrer Haltung. Die schüchterne, geduckte Haltung war verschwunden, abgelöst von einem geraden Rücken. Ihre Augen, die einst so flehend gewirkt hatten, strahlten nun eine eisige Entschlossenheit aus. Eine beunruhigende Ruhe ging von ihr aus, während sie sich bewegte.

Gabriel hielt mitten im Kauen inne, völlig verblüfft.

Bianca sah auf und ihr Herz setzte einen Schlag aus. Ein Anflug von Angst huschte über ihr Gesicht, bevor sie ihn schnell verbarg und ihre Hände unter dem Tisch zu Fäusten ballte. Isabellas Gesicht … es war schon immer schön gewesen, aber jetzt, mit diesem Blick in ihren Augen …

„Bianca, was ist los?“, fragte Gabriel, dem ihre Anspannung aufgefallen war.

Bianca schüttelte den Kopf und zwang sich zu einem Lächeln. „Nichts. Es ist nur … Isabella wirkt heute anders.“

Gabriel schnaubte verächtlich. „Sie ist immer noch nur ein Mädchen vom Land.“

„Gabriel, sag so etwas nicht“, tadelte Bianca ihn sanft. „Sie ist deine Schwester.“

„Ich habe nur eine Schwester“, erklärte er und sah Bianca an. „Und das bist du.“

Isabella ging auf den leeren Platz neben Tobias zu.

Er rückte seine Brille zurecht, seine Stimme klang scharf. „Bleib mir vom Leib.“

Isabella ignorierte ihn, zog den Stuhl zurück und setzte sich.

Tobias’ Miene verfinsterte sich. „Ich habe nicht das geringste Bedürfnis, einen Tisch mit dir zu teilen.“ Er war ein notorischer Keimphobiker.

Isabella, die gerade ihr Besteck in die Hand genommen hatte, hielt inne. Sie legte den Kopf schief und ihr Blick traf seinen. „Dann kannst du ja gehen.“

Die Worte hingen in der Luft und machten nicht nur Tobias fassungslos, sondern auch Chase und Gabriel.

Tobias starrte sie ungläubig an. „Was hast du gerade zu mir gesagt?“

Isabellas Wimpern senkten sich, ihre Stimme klang unfassbar ruhig. „Wenn du nicht mit mir zusammensitzen willst, steht es dir frei zu gehen.“

„Du –“ Alle Farbe wich aus Tobias’ Gesicht. Sie hatte ihm gesagt, er solle gehen?

„Isabella.“ Chases Stimme schnitt kalt und hart durch die Anspannung. „Achte auf deinen Ton, wenn du mit Tobias sprichst.“

Isabella sah den ältesten Bruder direkt an, ihre Augen klar und ruhig, frei von der Bewunderung und der Angst, die einst darin gelegen hatten. Sie hielt seinem Blick ohne Zurückweichen stand, ihre Stimme klang beherrscht und kalt.

„Ich spiegele lediglich seine Umgangsformen wider.“

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