Kapitel 2 Dreiundzwanzig Jahre später

Chloe erwachte zu Schmerzen, die ihr durch den ganzen Körper rissen.

Ihre Ohren dröhnten. Ihr Kopf fühlte sich an, als würde er aufplatzen. Für ein paar Sekunden konnte sie nichts sehen außer weißem Licht.

Dann kehrte das Geräusch auf einmal zurück – Rufen, Autohupen, das Zischen von Rauch, jemand, der nach Hilfe schrie.

Der Van war stehen geblieben.

Nein – verunglückt.

Chloe blinzelte heftig und versuchte, ihre Sicht scharf zu bekommen.

Der alte Ford E-350 war am Tunnelausgang in die Leitplanke am Straßenrand gekracht. Die Front war nach innen eingedrückt, und weißer Rauch quoll unter der Motorhaube hervor in die eisige Luft.

Einen Moment lang konnte sie nicht begreifen, was passiert war.

Sie erinnerte sich nur an den Tunnel.

An das flackernde Licht.

An dieses fürchterliche, schabende Kreischen.

Dann war die Welt durchgedreht.

Der Van war herumgeschleudert worden wie ein Spielzeug. Von allen Seiten war Licht hereingebrochen, so blendend, dass es sich anfühlte, als würden ihr die Augen aus dem Schädel brennen. Das ganze Fahrzeug hatte heftig gezittert, war nach vorn geschossen, dann ruckartig zurückgerissen worden, als würde irgendeine unsichtbare Kraft es durch die Dunkelheit zerren.

Sie hatte gedacht, sie würden alle sterben.

Draußen sammelten sich Stimmen.

„Autounfall!“

„Rufen Sie 911!“

„Da sind Leute drin!“

„Hallo? Ja, beim Ausgang des Mountain Tunnel im State Forest Park – ein Ford E-350. Es sieht übel aus. Da sind mehrere Passagiere –“

„Da ist auch ein Kind drin!“

Innerhalb weniger Minuten heulten Sirenen durch die Kälte.

Zuerst trafen die Streifenwagen ein und sperrten das Gelände mit gelbem Band ab. Dann kamen die Krankenwagen, einer nach dem anderen, ihre roten und blauen Lichter stroboskopartig über den Schnee zuckend.

Die Passagiere wurden herausgezogen und in getrennte Fahrzeuge gebracht.

Chloe erinnerte sich kaum daran.

Ein Sanitäter schnallte sie auf eine Trage. Jemand drückte Gaze auf ihre Stirn. Jemand anderes fragte nach ihrem Namen, ihrem Alter, ob sie wisse, welcher Tag heute sei.

Sie antwortete automatisch.

Zumindest glaubte sie das.

Als die Krankenwagen schließlich abfuhren, waren Fotos vom Unfall schon im Netz.

Der zerstörte Ford E-350. Die zertrümmerte Front. Der Tunnel. Die benommenen Passagiere in aus der Zeit gefallener Kleidung, die in die Kälte taumelten, als wären sie einem versiegelten Jahrbuch entstiegen.

Dann fingen die Leute an zu wühlen.

Innerhalb einer Stunde waren Modell und Kennzeichen des Vans einem alten Vermisstenfall zugeordnet. Mehr als zwanzig Jahre zuvor war genau dieses Fahrzeug – sein Fahrer und alle neunzehn Passagiere an Bord – spurlos verschwunden.

Die Polizei hatte die Strecke abgesucht, den Wald, nahegelegene Seen, Schluchten und jede hässliche Möglichkeit dazwischen. Manche glaubten, der Fahrer habe alle entführt. Andere meinten, der Van müsse irgendwo so abgelegen verunglückt sein, dass der Winter und die Bäume ihn einfach verschluckt hatten.

Nun raste dieselbe unmögliche Frage durchs Internet:

Wenn der Van vor mehr als zwanzig Jahren verschwunden war, wie konnte er dann heute einfach wieder auftauchen?

Draußen hatte niemand eine Antwort.

Im Krankenhaus hatten die Leute aus dem Van noch weniger.

Der gesamte medizinische Trakt des Northwestern Memorial Hospital war abgeriegelt worden.

Ärzte, Pflegekräfte, Polizisten und Sozialarbeiter bewegten sich zügig durch die Flure, versorgten Schnitte, Prellungen und Panik. Die Passagiere aus dem Van waren alle getrennt, untersucht, befragt und überwacht worden – wie Überlebende eines Desasters, das niemand so recht einzuordnen wusste.

Nachdem ihre Stirnprellung gereinigt und verbunden worden war und nachdem man eine vollständige körperliche Untersuchung durchgeführt hatte, wurde Chloe von einer Krankenschwester in einen Besprechungsraum auf der Station begleitet.

Sie trat auf wackligen Beinen hinein.

Ein langer Tisch nahm den größten Teil des Raumes ein.

Mehrere Fahrgäste waren bereits da, zusammen mit zwei Sozialarbeiterinnen und einem Polizeibeamten, der am Ende des Tisches saß. Alle sahen blass und verstört aus. Eine ältere Frau weinte leise in den Armen ihres Mannes. Eine andere Frau saß da und klammerte ihr Kind so fest an sich, dass sich das kleine Mädchen kaum bewegen konnte. Ein paar weitere Fahrgäste beobachteten die Sozialarbeiterinnen mit verängstigten, hohlen Augen, während ein Anruf nach dem anderen getätigt wurde.

„Diese Nummer ist nicht vergeben.“

„Die von Ihnen angegebene Nummer ist nicht mehr in Betrieb.“

„Haben Sie noch andere Kontaktinformationen?“

Mit jedem gescheiterten Anruf schien der Raum kälter zu werden.

Chloe stellte sich hinter den Fahrer in die Schlange.

Er war in seinen Dreißigern, breitschultrig, mit dicken Verbänden um den Kopf. An einer Seite seines Gesichts zeichnete sich getrocknetes Blut ab. In den Händen hielt er immer noch den Kristall-Bilderrahmen aus dem Van.

Das Foto des kleinen Jungen darin war so stark gesprungen, dass das Gesicht fast nicht mehr zu erkennen war.

Er nannte eine Nummer nach der anderen.

Keine funktionierte.

Schließlich begann sein Mund zu zittern. Seine Augen wurden rot.

„Treten Sie fürs Erste zur Seite“, sagte der Polizeibeamte, in einem Tonfall, der sanfter war, als Chloe erwartet hatte. „Eine Sozialarbeiterin hilft Ihnen dabei, Ihre Familie ausfindig zu machen.“

Der Fahrer nickte steif.

Ein Mann, der so groß war, hätte nicht so verloren aussehen dürfen.

Doch seine Schultern waren völlig eingesackt, als er sich schließlich vom Tisch entfernte.

Chloe setzte sich auf den Stuhl, den er gerade freigemacht hatte.

Ihre Handflächen waren feucht.

Ihr gegenüber warf der Beamte einen Blick auf das Blatt vor sich, dann auf sie.

„Name?“

„Chloe Frost.“

Er nickte und machte sich eine Notiz.

Auf dem Namensschild auf dem Tisch stand: Officer Samuel Whitaker.

Chloe starrte ihn an.

Sie konnte die Worte, die alle seit ihrem Aufwachen um sich geworfen hatten, noch immer nicht richtig begreifen. Jetzt. Heute. Zwanzig Jahre. Zweitausendfünfundzwanzig.

Es klang alles wie Unsinn.

Wie ein furchtbarer Witz, den niemand für nötig gehalten hatte, ihr ordentlich zu erklären.

Sie schluckte und versuchte, ihre Stimme zu beruhigen.

„Ähm …“ Sie leckte sich über die trockenen Lippen. „Ist es wirklich 2025?“

Nachdem sie das gefragt hatte, schien es im Raum noch leiser zu werden.

Officer Whitaker sah sie einen Moment lang an, dann antwortete er ruhig: „Ja, Madame. Heute ist der 20. August 2025.“

Für eine Sekunde vergaß Chloe, wie man atmet.

  1. August 2025.

Nicht 2002.

Nicht heute Morgen.

Nicht der Tag, an dem sie das Haus ihrer Eltern mit einem Koffer verlassen hatte, voll mit Dingen, die ihre Mutter für Nathan eingepackt hatte.

Die Kraft floss so schnell aus ihrem Körper, als hätte jemand ihr die Knochen unter ihr weggezogen.

Ihre Schultern sanken.

Ihre Finger wurden kalt.

Ihre Augen brannten, doch noch kamen keine Tränen — nur eine wilde, hohle Panik.

Dreiundzwanzig Jahre.

Dreiundzwanzig Jahre waren vergangen.

Und Nathan —

Nathan wartet auf mich.

Der Gedanke schoss so schnell, so verzweifelt durch ihren Kopf, dass er sie beinahe zerbrach.

Wenn es wirklich 2025 war …

Wo war er dann jetzt?

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