Kapitel 1

„Margaret …“

Mitten im Akt stöhnte Robert Howard diesen Namen, während er Sophia Windsor nahm.

Wie konnte er beim Liebemachen mit ihr den Namen ihrer Schwester rufen?

Demütigung brach über Sophia herein wie eisige Wellen und riss sie augenblicklich unter Wasser. Ehe sie ihn abwehren konnte, drückte Robert ihre Beine weiter auseinander und stieß mit brutaler Kraft in sie.

„Ah!“ Sie konnte den Schrei nicht unterdrücken.

„Sei still. Geräusche zerstören die Illusion.“ Roberts große Hand legte sich wie eine Klammer über ihren Mund. Verlangen und Ekel flackerten zugleich in seinen schönen Zügen.

Sophias Herz wurde zu Eis.

Vor drei Jahren hatte Margaret sich in den Ozean gestürzt. Ihr letzter Anruf vor dem Tod war an Sophia gegangen – die ihn verpasste, weil sie im Labor war.

Robert, der Margaret tief geliebt hatte, gab Sophia an allem die Schuld.

Er zwang sie, die Schule abzubrechen. Zwang sie, Margaret nachzuahmen. Machte sie zu Margarets Ersatz.

Sophia konnte sich nicht wehren. Sie ertrug seinen Zorn schweigend.

Weil auch sie in Reue ertrank. Sie hasste sich dafür, diesen Anruf verpasst zu haben.

Als der einseitige, brutale Sex vorbei war, stand Robert auf, ohne sich noch einmal umzusehen. Mit lässigen, trägen Bewegungen knöpfte er sein Hemd zu, seine langen Finger arbeiteten ruhig.

„Nimm das.“

Eine Schachtel mit der Pille danach landete auf Sophias Körper.

Früher hatte Sophia sich hemmungslos in Robert verliebt. Jetzt fühlte sie nur noch Schmerz.

Aus Gewohnheit nahm sie eine Pille, hob sie an die Lippen und schluckte sie hinunter. Ihr Magen krampfte sich heftig zusammen. Fast hätte sie sich übergeben.

In letzter Zeit hatte ihr Magen ihr zugesetzt – ständiges trockenes Würgen und Übelkeit. Sie wollte es bald im Krankenhaus abklären lassen.

Noch bevor sie überhaupt wieder richtig Luft bekam, kam der Butler der Howards, um sie hinauszudrängen.

Robert ließ Sophia nie bei sich über Nacht bleiben. Egal, wie spät es war. Egal, wie erschöpft sie war. Sie musste gehen.

Für ihn war sie nichts als ein Ersatz, an dem er seiner unvergesslichen Liebe nachtrauern konnte. Ein Körper für Sex. Jemand, den er nach Belieben herbeirufen und wieder wegschicken konnte.

Sophia trat zur Haustür hinaus. Sie blickte zurück und meinte, eine hohe Gestalt am Fenster im zweiten Stock zu sehen.

Als sie noch einmal hinsah, war das Fenster leer.

Ein spöttisches Lächeln verzog ihre Lippen. Robert hasste sie. Warum sollte ihn kümmern, ob sie lebte oder starb?

Eine Stunde später kehrte Sophia zur Windsor-Villa zurück.

In dem Moment, als sie das Wohnzimmer betrat, flog ihr ein Keramikbecher ins Gesicht und traf sie an der Schläfe.

Warmes Blut schoss sofort hervor und ließ ihre Sicht verschwimmen.

Ihre Mutter, Bianca Johnson, zeigte nicht die geringste Sorge. Sie kreischte: „Nutzloses Stück Dreck! Du kannst nicht mal einen Mann halten! Warum bist nicht du gestorben?“

Obwohl Sophia diese Worte schon oft gehört hatte, verdrehten sie ihr jedes Mal das Herz.

Wie sehr musste eine Mutter ihr eigenes Kind verabscheuen, um so etwas zu sagen?

Margarets Tod hatte nicht nur den einst lebensfrohen Robert in einen misstrauischen, düsteren Menschen verwandelt – er hatte auch Sophias eigene Eltern launisch und grausam gemacht.

Und sie, in jedermanns Augen die Schuldige, konnte das alles nur stumm ertragen.

Bianca schleuderte Sophia eine Zeitung entgegen. Die Schlagzeile auf der Titelseite stach ihr in die Augen.

[Die Familien Howard und Brown verkünden eine Fusionsheirat – Wirtschaftsimperien bündeln ihre Kräfte]

In diesem Moment bekam Sophia kaum noch Luft.

Robert heiratete jemand anderen?

Der Mann, der geschworen hatte, sie ein Leben lang zu quälen, sie für immer büßen zu lassen – er heiratete eine andere Frau?

Hieß das, er ließ seinen Hass endlich los? Ließ er sie endlich frei?

Für einen Augenblick verhedderten sich Erleichterung, Verwirrung und ein Hauch von Groll, den sie nicht einmal erkannte, ineinander.

Während Sophia wie erstarrt dastand, verlor Bianca die Geduld und schlug ihr hart ins Gesicht.

„Ich rede mit dir! Warum stellst du dich dumm? Du hast Margaret umgebracht, und jetzt kannst du nicht mal Robert festhalten! Wozu lebst du überhaupt?“

Biancas Gefühle gerieten völlig außer Kontrolle. In blinder Wut stieß sie Sophia zur Tür hinaus und befahl ihr, Robert anzuflehen, seine Meinung zu ändern.

„Wenn du das nicht schaffst, brauchst du gar nicht zurückzukommen!“

Aus dem eigenen Zuhause verstoßen, starrte Sophia hilflos in das Mondlicht über ihr. Die Wunde an ihrer Schläfe pochte noch schwach, doch das war nichts im Vergleich zu der Qual in ihrer Brust.

Wann würde diese Sühne endlich ein Ende haben?

Sophia kam nicht zu Robert durch.

Zwischen ihnen war es immer einseitig gewesen — er meldete sich, wenn er es wollte. Sie hatte keine Möglichkeit, ihn zu erreichen.

Am Ende blieb ihr nichts anderes übrig, als Roberts Assistenten eine Nachricht zu hinterlassen.

Eine halbe Stunde später sammelte ihre beste Freundin Echo Jones die verwahrlost aussehende Sophia auf und brachte sie zu sich nach Hause.

Echo versorgte Sophias Wunde sorgfältig, doch schließlich konnte sie ihre Wut nicht mehr zurückhalten.

„Das ist zu viel! Margaret ist seit Jahren fort, und trotzdem behandeln sie dich noch immer so. Sie hat sich das Leben genommen. Es war ein Unglück. Es war nicht deine Schuld! Warum schieben sie die ganze Schuld auf dich?“

Sophia umfasste Echos Hand und schüttelte sanft den Kopf.

Immer wenn sie an ihre Schwester dachte — nach außen hin sonnig und fröhlich, doch insgeheim von schweren Depressionen gequält — kam Sophia sich vor wie die schlimmste Schwester der Welt. Sie hatte nie auch nur das Geringste bemerkt.

Dieser verpasste Anruf war ein Knoten in ihrem Herzen, den sie nicht lösen konnte. Sie war bereit, diese Verantwortung zu tragen.

Als Echo merkte, dass sie Sophia nicht umstimmen konnte, stieß sie einen schweren Seufzer aus.

Nachdem sie einen Moment nachgedacht hatte, packte sie plötzlich Sophias Handgelenk, und ihr Ton wurde entschlossen. „Vergiss es. Denk nicht länger an diesen bedrückenden Mist! Heute Abend nehme ich dich mit, damit du auf andere Gedanken kommst!“

Ohne eine Antwort abzuwarten, schleifte Echo Sophia in die größte Bar von Emerald City. Sie rief sogar ein paar junge, gut aussehende Männer herbei, damit Sophia sich entspannte.

Sophia fühlte sich an einem Ort wie diesem völlig fehl am Platz. Nachdem sie nur kurze Zeit dort gesessen hatte, entschuldigte sie sich und ging zur Toilette.

Sie betrachtete gerade ihr eigenes blasses, aber schönes Gesicht im Spiegel, als Roberts Anruf durchkam.

„Du hast nach mir gesucht?“ Seine Stimme war wie immer kalt, ohne jede Regung.

Sophia richtete unwillkürlich den Rücken durch. „Ich wollte dich fragen — heiratest du Victoria wirklich?“

Am anderen Ende herrschte Schweigen. Dann erklang Roberts spöttisches, verächtliches Lachen.

„Was gibt dir das Recht, mich so etwas zu fragen?“

Was für ein Recht?

Sophia war sprachlos. Sie war nicht einmal seine Geliebte.

Sollte sie wirklich tun, was Bianca verlangt hatte — jede Spur von Würde wegwerfen und ihn anflehen, nicht zu heiraten?

Das konnte sie nicht.

Schließlich fragte Sophia mit zitternder Stimme: „Wenn du heiratest, kann es dann zwischen uns vorbei sein?“

Es hätte die selbstverständlichste Sache der Welt sein müssen, doch Robert reagierte, als hätte er den besten Witz seines Lebens gehört.

„Sophia, was träumst du da für einen Unsinn? Du wirst immer mein Spielzeug sein. Wenn ich mich langweile, werde ich dich selbst hinauswerfen.“

Sophia erstarrte.

Robert würde heiraten, weigerte sich aber, sie gehen zu lassen. Er wollte sie weiterhin quälen.

Sie hatte geglaubt, sie hätte seine grausamste Demütigung bereits ertragen. Doch er fand immer wieder neue Wege, ihre Würde mit Füßen zu treten.

„Was willst du von mir, bevor du mich gehen lässt?“

Robert stieß ein höhnisches Lachen aus. „Nur wenn du Margaret ins Leben zurückholst!“

Nachdem er aufgelegt hatte, brach Sophia in Tränen aus. Wieder schossen ihr Gedanken daran durch den Kopf, ihrem eigenen Leben ein Ende zu setzen.

In genau diesem Moment drang eine schmerzlich vertraute Stimme von draußen vor der Toilette herein.

„Damals wollte ich Sophia nur einen Streich spielen, ihr das Leben schwer machen. Ich hätte nie gedacht, dass es so aus dem Ruder laufen würde.“

„Wenn ich jetzt nicht zurückgehe, wird Robert irgendeine andere Frau heiraten. Das würde alles ruinieren, oder nicht? Ich hätte nicht gedacht, dass meine Schwester so nutzlos sein würde. Ich habe ihr drei Jahre gegeben, und noch immer konnte sie sein Herz nicht gewinnen.“

„Mutter und Vater wissen schon Bescheid. Sie werden mir helfen, alles zu erklären. Und was Robert angeht — er liebt mich so sehr. Ich muss ihm nur ein wenig schmeicheln.“

Sophias Augen weiteten sich. Ihr ganzer Körper begann zu zittern.

Es war Margaret. Sie war nicht tot!

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