Kapitel 2
Die Lichter in der Toilettenanlage der Bar flackerten im Takt der Musik an und aus.
Sophia stand vor dem Spiegel, den Blick fest auf Margaret geheftet, als diese durch die Tür drängte.
„Gott, du stehst da wie ein Geist, Sophia.“
Als Margaret die Gestalt als Sophia erkannte, atmete sie zuerst erleichtert auf und wirkte dann ein wenig verlegen.
Sie machte zwei Schritte zurück und zwang sich zu einem Lächeln. „Was für ein Zufall, Sophia. Ich erinnere mich, dass du früher nie an solche Orte wie Bars gegangen bist.“
Innerhalb von Sekunden hatte Margaret ihr Gefühl der Überlegenheit gegenüber Sophia wiedergefunden. Sie hob das Kinn und sagte in herablassendem Ton: „Sieht aus, als hättest du dir ein paar schlechte Angewohnheiten angewöhnt.“
Sophia starrte Margaret an, ohne zu blinzeln, auf ihren rosigen, gesunden Teint. Dagegen war ihr eigenes Gesicht unheimlich bleich.
„Margaret, was ist los? Warum—warum lebst du noch?“
Die plötzliche Wahrheit traf Sophia wie ein Lastwagen.
Margaret sprach langsam, betont. „Was, du freust dich nicht, dass ich lebe?“
Freuen?
Sophias Lächeln war hässlicher als Tränen.
Vor drei Jahren hätte sie, wenn sie erfahren hätte, dass ihre einzige Schwester noch lebte, gejubelt vor Glück.
Aber jetzt? Sie hatte drei Jahre ohne Würde ertragen, eine Demütigung nach der anderen. Man hatte sie sogar gezwungen, die Schule abzubrechen, und ihr damit die Chance auf ein Aufbaustudium genommen.
Wie sollte sie sich da freuen?
„Antworte mir. Warum hast du das getan?“ Sophia weigerte sich, in ihre Falle zu tappen, und drängte sie direkt.
Margarets Blick huschte umher, während sie Zeit zu schinden versuchte. „Müssen wir darüber auf der Toilette reden? Warum wartest du nicht auf mich? Ich gehe erst mal aufs Klo, und dann reden wir.“
Sophia durchschaute sie sofort. Sie packte Margarets Arm und ließ sie nicht gehen.
„Du gehst nirgendwohin, bevor du mir das erklärst.“
Als Sophia nicht nachließ, verlor Margaret schließlich die Geduld. „Du willst wirklich wissen, warum? Gut. Ich sag’s dir. Weil es Spaß gemacht hat, dich fertigzumachen. Reicht dir das als Antwort?“
Sobald die Bosheit eine Lücke gefunden hatte, ließ sie sich nicht mehr eindämmen.
Margaret funkelte Sophia giftig an, als sähe sie in ihr ihre Todfeindin.
„Jedes Mal, wenn ich dich irgendwohin einladen wollte, hast du gesagt, du müsstest lesen oder lernen. Du hast diese Nummer von wegen Ehrgeiz abgezogen—wen wolltest du damit beeindrucken? Wenn die Leute dich dafür gelobt haben, wie erwachsen und großartig du bist, und gesagt haben, du wärst eher die ältere Schwester als ich, hast du dich doch bestimmt wahnsinnig überlegen gefühlt, oder? Also hab ich beschlossen, dir zu helfen. Dich mal erleben zu lassen, wie es ist, drei Jahre lang Einzelkind zu sein. Na, wie ist es? Ziemlich toll, oder?“
Sophia hätte nie gedacht, dass ihr dreijähriger Albtraum aus so einem absurden, lächerlichen Grund entstanden war.
Wut schwappte durch ihren ganzen Körper und riss ihre Hand nach oben.
Margaret verzog den Mund zu einem verächtlichen Grinsen. „Willst du mich schlagen? Sophia, wenn du mich heute auch nur mit einem Finger anfasst, werden Mutter und Vater und Robert dich dafür büßen lassen. Glaubst du mir nicht? Dann versuch’s doch.“
Dabei schob sie ihr Gesicht sogar noch absichtlich nach vorn.
Sophia biss die Zähne so fest zusammen, dass es schmerzte. Bilder von Margarets doppeltem Spiel, von ihren Intrigen und ihrem Verrat schossen ihr durch den Kopf. Ihr Magen zog sich zusammen.
In Wahrheit war ihre Schwesterbeziehung nie gut gewesen. Margarets „Tod“ hatte die ganzen Konflikte nur verwischt, und Sophia hatte dadurch bereitwillig alle Schuld auf sich genommen.
„Feigling. Ich wusste, du traust dich nicht—“
Bevor Margaret ihren Spott beenden konnte, fuhr Sophias Hand hart hinunter!
Sie legte ihre ganze Kraft in die Ohrfeige. Margaret stürzte zu Boden, ihre Wange schwoll sofort an und färbte sich rot.
„Du hast es tatsächlich gewagt, mich zu schlagen! Sophia, bist du lebensmüde?“ Margaret kam wieder zu sich, fast hysterisch vor Wut.
Sophias Blick war von eisiger Kälte. Ihr Ton blieb ruhig, aber entschlossen. „Ja. Und ich will dich mit mir hinunterziehen. Glaubst du mir?“
Die Bosheit unter dieser Ruhe ließ Margaret augenblicklich in Panik geraten.
Als Margaret sich wieder gefangen hatte, war Sophia bereits aus der Toilette verschwunden.
Vor Wut stampfte sie mit den Füßen auf und schrie Drohungen in die Richtung, in der Sophia verschwunden war. „Sophia! Warte nur!“
Sophia irrte wie eine verlorene Seele durch den Flur der Bar, während Margarets Worte ihr immer wieder in den Ohren nachhallten.
„Mutter und Vater wissen schon Bescheid. Sie werden mir helfen, es zu erklären.“
„Wenn du mich heute auch nur mit einem Finger anrührst, werden Mutter und Vater und Robert dich dafür büßen lassen.“
Wie hatte sie das nicht wissen können? Mutter und Vater hatten die lebhafte, kontaktfreudige Margaret immer bevorzugt. Sophias stille, introvertierte Art mochten sie nicht.
Sie hatte naiv geglaubt, wenn sie nur gehorsam war und sich genug Mühe gab, würden ihre Eltern ihr eines Tages auch ein wenig Liebe schenken.
Es war alles nur Wunschdenken gewesen.
Kein Wunder, dass Bianca sie so wütend beschimpft hatte, nachdem sie von Roberts Verlobung erfahren hatte, und sie nutzlos nannte, weil sie Margarets Freund nicht hatte halten können.
Mutter und Vater hatten Margaret all die Zeit bedingungslos verwöhnt.
Obwohl Margaret dieses Schauspiel um ihren falschen Tod eingefädelt hatte, hatten sie bereitwillig mitgespielt.
Und Sophia? Sie war nur ein unbedeutender Trittstein.
Wie benommen stieß Sophia die Tür zum Privatraum auf. Echo war längst fort, doch diese männlichen Bedienungen waren noch da.
Sie ließ den Blick über sie gleiten und stellte fest, dass sie alle außergewöhnlich gut aussahen. Besonders der Mann in der Mitte – seine Gesichtszüge waren markant und scharf geschnitten, seine Augen lagen tief, und sein Auftreten war zugleich kühn und aristokratisch. Er war genauso gut aussehend wie Robert, Emerald Citys berühmter Goldjunge.
Sophia ging geradewegs hinüber und setzte sich. Ihre Stimme war kalt. „Schenk mir etwas ein.“
Früher hatte sie sich immer an alle Regeln gehalten und nicht einmal jemanden getroffen. Und was hatte es ihr eingebracht? Roberts Verachtung und Quälerei.
Konnte man nur Zuneigung und Bevorzugung bekommen, wenn man wie Margaret war – in Bars herumhing und mit verschiedenen Männern flirtete, als wäre es nichts?
Sophia wusste, dass ihre Gedanken in eine selbstzerstörerische Richtung abglitten.
„Du –“ Einer der Männer runzelte die Stirn und wollte gerade etwas sagen, doch der gutaussehendste Mann in der Mitte brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen.
Der Mann betrachtete Sophia mit Interesse und hob die Hand, um ihr Glas zu füllen.
Sophia nahm das Glas, machte sich innerlich hart und leerte es in einem Zug. Dann brach sie in heftiges Husten aus.
Der Alkohol war scharf und brennend. Er trieb ihr Tränen in die Augen, beinahe hätte sie geweint.
Doch nachdem sie wieder zu Atem gekommen war, griff sie nach dem nächsten Glas.
Vielleicht konnte sie diese grausame Wirklichkeit vorübergehend vergessen, wenn sie betrunken war.
Sophia trank ein Glas nach dem anderen. Die Männer überschütteten sie mit Schmeicheleien und behandelten sie wie kostbares Königsgut.
Das Ergebnis dieser hemmungslosen Nachsicht? Sie verlor völlig das Bewusstsein. Wenigstens vergaß sie ihre Sorgen für eine Weile.
Als sie wieder aufwachte, war es am nächsten Tag Mittag.
Sophia setzte sich auf und hielt sich den dröhnenden Kopf. Die Erinnerungen an die vergangene Nacht brachen wie eine Flutwelle über sie herein.
Margaret, von den Toten zurückgekehrt. Diese wortgewandten Bedienungen. Und ihre letzte Handlung, bevor sie das Bewusstsein verlor –
Sie hatte dem gutaussehendsten Mann mit Gewalt die Kleidung vom Leib gerissen!
Sophia schnappte nach Luft.
War ihr Verhalten im Rausch wirklich so schlimm?
