Fünftes Kapitel: Das Erwachen

Charlie schreckte hoch, ihr Brustkorb bebte, als wäre sie gerade dem Ertrinken entkommen. Die Luft in ihrem kleinen Zimmer fühlte sich erstickend an, dick und schwer von der Feuchtigkeit, und ihr Körper war schweißgebadet. Keuchend warf sie die Decke von sich und setzte sich auf, um nach Luft zu schnappen. Die Haut an ihren Armen spannte, juckte und fühlte sich unangenehm an – schlimmer als zuvor. Gedankenverloren kratzte sie sich, um dieses seltsame Gefühl loszuwerden. Irgendetwas stimmte nicht.

Ihr Kopf pochte schmerzhaft und eine Welle der Übelkeit überrollte sie. Mit zitternder Hand wischte sie sich den Schweiß von der Stirn und versuchte, ihren rasenden Herzschlag zu beruhigen. Sie fühlte sich, als würde sie von innen heraus verbrennen, als würde etwas unter ihrer Haut krabbeln und verzweifelt danach verlangen, befreit zu werden.

Ein seltsamer Druck baute sich hinter ihren Augen auf. Sie umklammerte ihren Kopf, ihre Finger verfingen sich in ihrem feuchten Haar. Der Druck wurde stärker, drängender, bis er plötzlich nachgab und sie eine Stimme in ihrem Kopf hörte – klar und deutlich.

‚Charlie.‘

Sie hätte beinahe geschrien und schlug sich die Hände vor den Mund, um den Laut zu ersticken. Panisch blickte sie sich um, ihr Herz hämmerte, während sie nach der Quelle der Stimme suchte. Aber es war niemand sonst im Zimmer – nur sie allein.

‚Charlie, beruhige dich. Ich bin es nur, Raven. Deine Wölfin.‘

Charlie erstarrte, der Atem stockte ihr in der Kehle. Ihre Wölfin? Aber das konnte nicht sein. Sie hatte doch noch Zeit, oder? Sie sollte ihre Wölfin erst bekommen, wenn sie achtzehn wurde. Das hatten doch immer alle gesagt. Bis dahin waren es noch Monate –

Doch dann traf es sie wie ein Schlag. Dieses nagende Gefühl, das sich den ganzen Tag über in ihrem Hinterkopf aufgebaut hatte. Ihre Kopfschmerzen, die seltsamen Reaktionen ihres Körpers, das Gefühl, dass sich etwas in ihr veränderte. Ihr Geburtstag war schon immer eine unsichere Sache gewesen, eine vage Erinnerung aus der Zeit, bevor sie vom Rudel gefunden wurde. Sie hatte keine Möglichkeit, ihr genaues Alter zu kennen, nur das, was man ihr gesagt hatte. Aber jetzt schien es, als hätte sich das Rudel geirrt.

‚Es passiert jetzt‘, sagte Ravens Stimme sanft, ihr Tonfall war ruhig, aber bestimmt. ‚Wir müssen hier schnell raus! Wir müssen uns bald verwandeln, und du willst nicht hier drinnen sein, wenn es geschieht.‘

Charlies Magen zog sich vor Panik zusammen. Sie war nicht bereit dafür. Sie war nicht bereit, sich zu verwandeln. Sie war nie darauf vorbereitet worden, hatte nie wie die anderen Wölfe trainiert. Sie war nicht stark, nicht schnell – sie war ganz anders als sie.

‚Vertrau mir‘, drängte Raven. ‚Ich werde dich führen. Aber wir müssen jetzt gehen. Bevor es jemand bemerkt und uns holt. Besonders dieser grausame Alpha!‘

Charlies Hände zitterten, als sie vom Bett aufstand, ihre Beine fühlten sich schwach an. Für einen Moment drehte sich das Zimmer, aber sie atmete tief durch und fand ihr Gleichgewicht wieder. Raven hatte recht. Sie konnte nicht hierbleiben. Wenn sie sich in diesem winzigen Raum verwandelte, würde das eine Szene verursachen und Aufmerksamkeit erregen, die sie sich nicht leisten konnte. Nicht jetzt, wo ihre ganze Welt bereits am Rande des Zusammenbruchs stand.

Schnell schlüpfte sie in ein Paar alte Turnschuhe und schlich zur Tür, ihre Sinne waren aufs Äußerste gespannt. Das Haus war unheimlich still, das Rudel schlief bereits, um für das frühe Morgentraining fit zu sein. Charlie zog die Tür leise auf und glitt in den Flur, wobei sie sich so lautlos wie möglich bewegte, während sich ihr Inneres anfühlte, als würde es zerrissen.

Doch kaum hatte sie den Korridor betreten, traf sie ein Duft – so stark, so berauschend, dass er sie beinahe von den Füßen riss.

Sie erstarrte, und der Atem stockte ihr, als der Duft sie einhüllte. Es war eine berauschende Mischung aus Kiefer, Moschus und etwas unverkennbar Männlichem, etwas, das sie sofort wiedererkannte. Es war ein Duft, den sie seit Jahren kannte, ein Duft, der sie erst vor wenigen Stunden in den Zimmern der Zwillinge umgeben hatte.

Ihr Herz raste, als die Erkenntnis sie mit der Wucht eines Güterzugs traf. Nein. Das konnte nicht sein.

Sie trat einen weiteren Schritt vor, angezogen von der Quelle des Duftes, als hätte er seine eigene Schwerkraft. Ihre Füße trugen sie fast gegen ihren Willen den Flur hinunter, ihr Körper reagierte, bevor ihr Verstand verarbeiten konnte, was geschah. Jeder Atemzug füllte sie mit diesem Duft – so vertraut, so verlockend. Sie erreichte das Ende des Flurs, direkt vor den Zimmern der Zwillinge, und der Geruch traf sie wie eine Welle, ließ ihre Knie weich werden und ihren Puls in die Höhe schnellen.

Ihre Finger krallten sich in den Stoff ihres Shirts, während sie dastand und versuchte, sich zu fassen, aber ihr Herz geriet außer Kontrolle. Es gab keinen Zweifel. Der Duft gehörte ihnen – Luther und Liam. Den beiden, die sie gequält hatten, den beiden, die ihr Leben jahrelang zur Hölle gemacht hatten.

Aber sie konnten doch nicht ihre Gefährten sein. Oder?

Ihr Körper rebellierte bei dem Gedanken, ihr Herz wies die Vorstellung zurück, auch wenn ihre Sinne etwas anderes schrien. Ihre Wölfin regte sich in ihr, unruhig und begierig, und bestätigte die Wahrheit, der sich Charlie nicht stellen wollte.

Charlies Atem ging in kurzen, schnellen Stößen. Sie fühlte sich, als würden sich die Wände um sie schließen und sie unter der Last dieser unmöglichen Offenbarung ersticken. Wie konnte das sein? Wie konnten ausgerechnet die Wölfe, die ihr Leben zu einem einzigen Albtraum gemacht hatten, diejenigen sein, die für sie bestimmt waren? Der Gedanke war unerträglich, furchterregend.

Panik krallte sich in ihre Brust, und sie spürte, wie sie in eine Spirale geriet, ihre Gedanken außer Kontrolle gerieten. Sie konnte nicht hier sein. Sie konnte ihnen nicht gegenübertreten. Nicht jetzt. Nicht so.

Bevor sie sich selbst aufhalten konnte, machte Charlie auf dem Absatz kehrt und raste den Flur hinunter, ihre Füße bewegten sich schneller als je zuvor. Die Wände verschwammen um sie herum, während sie rannte, ihr Herz hämmerte wie eine Trommel in ihrer Brust. Es war ihr egal, wohin sie lief – sie musste einfach nur raus. Sie konnte nicht hier bleiben, konnte nicht in ihrer Nähe sein. Nicht, nachdem ihre ganze Welt gerade auf den Kopf gestellt worden war.

Sie stieß die Hintertür des Rudelhauses auf und sprintete in den Wald, die kühle Nachtluft traf sie wie ein Schock kalten Wassers. Sie rannte so schnell ihre Beine sie tragen konnten, ihre neue Kraft trieb sie mit einer Geschwindigkeit voran, von der sie nicht gewusst hatte, dass sie sie besaß. Die Bäume verschwammen an ihr vorbei, das Unterholz knirschte unter ihren Füßen, während sie durch den Wald riss, angetrieben von dem überwältigenden Bedürfnis zu entkommen.

Ihre Wölfin regte sich, drängte gegen die Oberfläche ihrer Haut, verzweifelt darauf aus, freigelassen zu werden. Der Druck baute sich auf, wurde mit jeder Sekunde unerträglicher, und Charlie wusste, dass sie nicht mehr lange dagegen ankämpfen konnte.

Aber sie rannte weiter, ihr Verstand drehte sich unter der Last all dessen, was gerade geschehen war. Es war alles zu viel.

Sie rannte, bis ihre Beine brannten, bis ihre Lungen schmerzten, bis die Welt zu verschwimmen und zu nichts als dem Geräusch ihres eigenen, keuchenden Atems zu verblassen schien.

Und dann, als ihr Körper nicht mehr konnte, brach Charlie auf einer großen Lichtung im hohen Gras zusammen, ihre Hände gruben sich in die Erde, als die erste Welle der Verwandlung durch sie riss.

Sie war dem Rudelhaus entkommen. Aber sie wusste, dass sie nicht ewig davonlaufen konnte.

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