Kapitel 6 Armes menschliches Mädchen

Rae

Mein Herz donnert so heftig, als wollte es sich mit Gewalt aus meiner Brust herausboxen. Das Klopfen wird lauter und kommt näher. Metall gegen Gitterstäbe. Stiefel auf Stein. Gedämpfte, seidige Stimmen, die den Korridor entlanggetragen werden, noch bevor die Körper, zu denen sie gehören, in Sicht kommen. Ich muss nichts davon vortäuschen. Ich kauere mich in die Ecke, die am weitesten von Cian entfernt ist, ziehe die Knie an die Brust und zerrre den Korb vor mich, als würden geflochtene Zweige und Brombeeren mir irgendwie das Leben retten. Mein ganzer Körper zittert schon, als die Schritte vor der Zelle stehen bleiben.

„Was zum …“, sagt eine Männerstimme, bevor ich höre, wie noch ein Paar Stiefel stehen bleibt. Ich spähe über den Rand des Korbs und sehe einen Wächter, dann zwei, beide starren mich durch die Gitterstäbe an.

Sie sind auf diese zutiefst verstörende Art schön, von der ich schnell lerne, dass sie hier unten absolut nie etwas Gutes bedeutet. Sie tragen feine Kleidung, haben glatte Gesichter und helle Augen. So sauber und geschniegelt, als hätten sie in ihrem Leben nie einen schmutzigen Gedanken gehabt. Ich weiß, dass das eine dreiste Lüge ist.

„Oh Gott“, flüstere ich und drücke mich noch fester gegen die Wand zurück. „Bitte nicht. Nicht noch mehr von euch. Werdet ihr mich auch auffressen? Es tut mir so leid, ich bin gestolpert. Ich sollte nicht hier sein.“ Ich verstecke mich wieder hinter dem Korb, denn wenn ich in der letzten Stunde irgendetwas gelernt habe, dann, dass es ab jetzt mein Vollzeitjob ist, ein verängstigter kleiner Mensch zu sein. Die Wächter verstummen für einen Moment, dann höre ich das Klicken eines Schlosses, und die Zellentür geht auf.

„He“, sagt einer von ihnen mit krankhaft süßer Stimme. „Es ist in Ordnung. Wir tun dir nichts.“ Ich beginne noch heftiger zu zittern und gebe mir wirklich Mühe. „Wir sind keine Monster wie dieses Volk“, sagt ein anderer. Dieses Volk. Klar. Red nur weiter, hübscher Gefängnisdämon. „Bei Dorn und Blüte“, murmelt der erste Wächter und tritt näher, „dieses arme Menschenmädchen. Cian muss einen Pfad für sie geöffnet haben.“

Ja. Genau. Armes Menschenmädchen. Ganz sanft. Ganz verängstigt. Hört ganz bestimmt nicht auf jedes einzelne Wort, während es versucht, sich nicht in die Hose zu machen. Ich stoße ein winziges, gebrochenes Geräusch aus und senke den Korb gerade weit genug, um sie mit hoffentlich großen, panischen, harmlosen Augen anzusehen. „Ich will einfach nur nach Hause“, flüstere ich. Der Erste geht ein wenig in die Hocke, als wäre ich ein verschrecktes Tier, das er nicht aufscheuchen will. Sein Haar ist golden, seine Augen sind grün, und sein Lächeln ist nur einen Hauch davon entfernt, sanft zu wirken. Er sieht aus wie die Art Mann, die alten Damen die Einkäufe nach Hause tragen würde, um ihnen dann die Seele zu stehlen, während sie sich noch bei ihm bedanken.

„Wie heißt du, kleines Ding?“

Alle Regeln, die Eiran und Saoirse mir gerade erst in den Schädel gehämmert haben, blitzen gleichzeitig auf. Gib nicht deinen vollen Namen preis. Bedanke dich nicht. Versprich nichts. Nimm nichts an, was sie dir anbieten.

„S-s-sunny“, sage ich und lasse meine Stimme zittern. „Ich heiße Sunny.“ Sein Lächeln wird weicher. Gut. Beiß an, du verfluchter Feenbastard.

„Nun, Sunny“, sagt er, „du bist jetzt in Sicherheit.“

Hinter mir höre ich ein leises Kettenrasseln, und der Blick des Wächters gleitet an mir vorbei zu Cian, der im Dunkeln hängt, und für einen Augenblick zeigt sich etwas Hässliches unter seinem geschniegelt höflichen Ausdruck, bevor die Sanftheit wieder an ihren Platz zurückgleitet. „Was ist passiert?“, fragt der zweite Wächter. „Hat er dir gedroht?“

Hat er mir gedroht? Das beinah aufsteigende Lachen in meiner Brust ist reine Hysterie. Ich umklammere den Korb fester und werfe einen raschen Blick über die Schulter, als könnte ich es nicht ertragen, ihn lange anzusehen. Was, um fair zu sein, nicht einmal völlig gespielt ist. Cian, blutüberströmt und angekettet und halb bewusstlos in der Dunkelheit, ist immer noch eines der furchteinflößendsten Dinge, die ich je gesehen habe. Furchteinflößend, weil ich nicht glauben kann, dass jemand einem anderen Menschen so etwas antut. Das ist krank. „Er war …“ Ich breche ab und lasse meine Stimme zittern. „Er war wach, als ich hindurchgefallen bin.“

Der erste Wächter tritt ein wenig näher und geht in die Hocke. „Hat einer von ihnen irgendetwas zu dir gesagt?“

Vor meinem inneren Auge sehe ich mich Cian hinaufklettern wie auf einen Baum und die Art, wie er mich ansah, als wäre ich direkt einem Traum entsprungen, an den er in seinem zerrütteten Zustand nicht mehr glauben konnte. „Nein“, lüge ich mühelos, denn das kann ich. Das wäre dann wohl ein Punkt für Rae. Der zweite Wächter atmet langsam durch die Nase aus. „Armes kleines Ding.“

„Bitte“, flüstere ich, denn jetzt, wo ich schon mittendrin bin, kann ich es auch ganz durchziehen. „Bitte lassen Sie mich nicht mit ihnen hier drin.“

Der erste Wächter blickt zum zweiten hinüber, und etwas Lautloses geht zwischen ihnen hin und her. Oh, sie denken nach. Das kann nicht gut sein. „Du wirst nicht bei ihnen bleiben“, sagt er schließlich immer noch mit dieser glatten, bedachten Stimme. „Aber zuerst müssen wir dir ein paar Fragen stellen.“ Fragen. Wunderbar. Ich ziehe die Arme fester um meine Knie und zwinge mich, noch kleiner zu wirken. „Ich wollte nichts falsch machen“, sage ich. „Ich war im Wald, und da waren Pilze, und ich habe einfach …“ Ich stoße ein schwaches Lachen aus, das gefährlich nah an Tränen klingt. „Meine Großmutter hat immer gesagt, man soll nicht in Feenringe treten, und ich dachte, sie ist einfach nur seltsam.“

Die Brauen des ersten Wächters heben sich. „Ein Feenring.“

„Ja“, sage ich rasch, weil ich das jetzt offenbar wirklich durchziehe. „Ich wusste es nicht. Ich schwöre, ich wusste es nicht. Ich bin einfach hineingetreten, und dann war ich hier, und er war …“ Mein Blick huscht wieder zu Cian und dann fort. „So.“

„So“, wiederholt der zweite Wächter, und Ekel kringelt sich durch seine Worte.

„Er hätte niemals so weit nach oben greifen können“, sagt der erste leise.

„Also … reagieren manche Wege doch auf ihn.“

Eine Kälte gleitet über meine Haut. Oh, Hekate. Das wird Cian noch mehr Schmerzen bereiten, nicht wahr? Mist. Ich verberge mein Gesicht wieder hinter dem Korb, bevor sie diese Erkenntnis darin lesen können. „Bitte“, flüstere ich, und diesmal kommt es ganz leicht heraus, weil Angst nichts mehr ist, das ich spielen muss. „Ich will einfach nur nach Hause.“

Der erste Wächter schweigt einen langen Moment. Dann sagt er sehr sanft: „Und wir werden dir helfen, Sunny.“ Irgendetwas an der Art, wie er das sagt, lässt jedes noch so feine Haar an meinem Körper zu Berge stehen. Denn jetzt weiß ich genug, um zu hören, was unter seiner Freundlichkeit liegt. Sie wollen mir nicht helfen. Nicht umsonst. Hinter mir knarren in der Dunkelheit wieder leise Ketten, und ich erinnere mich an Cians Handel. Ich erinnere mich an mein Zuhause. Also rolle ich mich noch enger in die Ecke, lasse meinen Atem stocken und sie glauben, ich sei genau das, was sie in mir sehen wollen. Ein verängstigtes, törichtes Menschenmädchen, das in das falsche Loch der Welt gestolpert ist … Nanna hat immer gesagt, die beste Lüge sei die, die der Wahrheit am nächsten kommt.

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