Kapitel 1 Freilassung und Feier

Der Herbstwind schnitt Rachel York wie eisige Klingen und drang ihr bis auf die Knochen. Ihr dünner Körper zitterte unter demselben abgetragenen Pullover, den sie schon an dem Tag getragen hatte, als sie vor drei Jahren ins Gefängnis geschickt wurde. Die Bündchen waren ausgefranst und voller Pilling, und die einst tiefe Farbe war zu einem müden, ausgewaschenen Grau verblasst.

Sie stand vor dem großen, kunstvoll verzierten schmiedeeisernen Tor, das sie so gut kannte, und hatte jeden Funken Kraft in ihrem Körper aufgebraucht, nur um hierher zu gelangen.

Drei Jahre.

Drei Jahre gestohlener Freiheit. Drei Jahre, in denen sie die Last eines Verbrechens trug, das sie nicht begangen hatte, und die Strafe für jemand anderen absaß.

Ihre kalten, steifen Finger drückten auf den Klingelknopf. Von drinnen drangen gedämpfte Musik und schallendes Gelächter nach draußen, Klänge, die so warm und lebendig waren, dass sie sich für einen Moment wie in einem Traum fühlte.

Welcher Tag war heute?

Die Gegensprechanlage knisterte zum Leben. Die zögerliche Stimme des Butlers ertönte. „Wer ist da?“

„Ich bin’s. Rachel York.“

Ihre Stimme war trocken und rau vom langen Nichtgebrauch, die Worte kratzten wie Sandpapier aus ihrer Kehle.

Eine Pause. Dann ein metallisches Klicken, und das Tor begann aufzugleiten.

Je näher sie der hell erleuchteten Villa kam, desto lauter wurden das Gelächter und die Musik. Durch die hoch aufragenden Glasfenster sah sie den blendenden Glanz von Kristalllüstern, deren Licht wie geschmolzenes Gold über polierte Böden floss.

Sie fühlte sich wie ein ungebetener Schatten auf einem königlichen Ball – eine Aschenputtel, die zu spät hereingestolpert war und nichts bei sich trug als die Kälte und den Ruin, der an ihr haftete.

Rachel stieß die schwere Eingangstür auf. Wärme und Lärm brandeten ihr entgegen, nur um im nächsten Augenblick zu verstummen, als das Lachen und die Musik abrupt endeten. Hundert Augenpaare richteten sich auf sie, scharf und unbewegt, wie Scheinwerfer.

Überraschung. Verwirrung. Verachtung. Belustigung. Die Luft wurde unter der Last ihrer Blicke schwer.

Die große Halle war wie ein Traum geschmückt – Blumen, Luftballons, Girlanden, die in farbigen Bögen gespannt waren. In der Mitte stand eine riesige, mehrstöckige Torte, aufwendig und unübersehbar.

Daneben, im strahlenden Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, stand Laura Smith in einem makellosen weißen Kleid und hatte ihre Hand in den Arm eines Mannes gehakt.

Sebastian Lancaster.

Rachels Ehemann.

Er stand groß und schlank in einem perfekt sitzenden schwarzen Anzug, seine markanten Züge wie in Stein gemeißelt. Sein Gesichtsausdruck war undurchdringlich – bis er Laura ansah und etwas beinahe Unmerkliches in seinen Augen weicher wurde.

Dann sah er Rachel an.

Die Wärme verschwand. An ihre Stelle trat eine kalte, ausdruckslose Gleichgültigkeit … und tief darin vergraben ein Flackern von etwas Dunklerem. Abscheu.

Unter diesem Blick zog sich ihre Brust zusammen, ein dumpfer Schmerz breitete sich aus wie Frost.

Laura schlug sich in gespieltem Schock die Hand vor den Mund. „Rachel? Du … du bist zurück? Heute ist doch nicht –“

Sie hielt mitten im Satz inne, als wäre ihr gerade etwas eingefallen, und wich hinter Sebastian zurück, als wäre Rachel ein gefährliches Tier.

Sebastians Arm legte sich schützend um Lauras Schultern, eine sanfte, vertraute Bewegung.

Seine Stimme war eisig, ohne jede Spur von Vertrautheit. „Wer hat dir gesagt, dass du hierherkommen sollst? Verschwinde.“

Ein leises Murmeln ging durch die Reihen der Gäste.

„Ist das Rachel? Die Frau, die Sebastian betrogen und die Lancaster Group fast in den Bankrott getrieben hat?“

„Ich dachte, sie sitzt fünf Jahre ab. Wie kommt es, dass sie schon draußen ist?“

„Gott, was für eine Szene. Weiß sie überhaupt, was für ein Tag heute ist?“

Die Worte prasselten wie ein Nadelregen auf sie ein, jede einzelne traf tief, bis Demütigung und Wut in ihr aufstiegen und über sie hereinbrachen, sie unter ihrer Last ertränkten.

Vor drei Jahren hatte sie in genau diesem Haus aus einem Glas getrunken, dem etwas beigemischt war, das sie nicht schmecken konnte. Sie war mit blauen Flecken, desorientiert und im Bett eines Fremden aufgewacht – nur um Sebastian im Türrahmen stehen zu sehen, sein Gesicht zu einer wütenden Fratze verzogen.

Die Stadt hatte sie als Hure gebrandmarkt, als eine Frau, die zu schwach war, der Versuchung zu widerstehen. Sebastians Enttäuschung war in Wut umgeschlagen.

Kurz darauf war ein Projekt, das Laura geleitet hatte, geplatzt und hatte Millionen gekostet. Jeder einzelne Beweis deutete auf Rachel als Saboteurin hin.

Sie hatte versucht, es zu erklären, aber niemand hörte ihr zu. Der Fall kam vor Gericht.

Vor dem Prozess hatte Sebastian sie mit einem Ultimatum in die Enge getrieben. Die Arztrechnungen ihres Vaters drohten sie zu ruinieren.

„Du hast Lauras Karriere bereits zerstört“, hatte er kalt gesagt. „Ich werde nicht zulassen, dass du noch etwas anderes ruinierst. Bekenne dich der Veruntreuung von Firmengeldern schuldig, und dein Vater wird die beste Behandlung bekommen, die man für Geld kaufen kann.“

Für das Leben ihres Vaters hatte Rachel ihr eigenes aufgegeben.

Der Makel der Untreue. Die Last eines Verbrechens. Sie hatte sie allein getragen.

Und nun, an dem Tag, an dem sie freikam, war sie nach Hause gekommen, nur um festzustellen, dass ihr Mann eine glitzernde Geburtstagsfeier für die Frau gab, die ihr alles genommen hatte.

Er hatte nicht einmal daran gedacht, dass sie entlassen wurde.

Rachel sah Sebastians Arm um Laura, die Verachtung in den Augen der Gäste, und spürte, wie die letzte Spur von Wärme aus ihren Adern wich.

„Das ist mein Haus“, sagte sie.

Ihre Stimme war leise, doch sie durchbrach die Stille wie ein Stein, der in ruhiges Wasser fällt.

Sebastians Stirn legte sich in Falten, als wäre es ihm gerade erst wieder eingefallen. Aber das Eis in seinem Blick schmolz nicht – es wurde tiefer. „Na und? Bist du hier, um um einen Drink zu betteln? Oder um Laura einen weiteren schönen Tag zu verderben?“

Er zog Laura enger an sich. „Du bist hier nicht willkommen. Geh. Sofort.“

Rachel stand wie erstarrt da, ihre Hände und Füße waren taub. Sie blickte den Mann an, den sie einst geliebt hatte, die Frau, die ihr eine Falle gestellt hatte, und den glitzernden Raum voller Fremder, die niemals die Wahrheit erfahren würden.

Die leise Hoffnung, die sie den ganzen Weg hierher getragen hatte – dass vielleicht, irgendwie, noch etwas zu retten wäre –, zerbarst in diesem Moment und zerfiel zu Asche.

Sie atmete die kalte, scharfe Luft ein und zwang das Brennen in ihrem Hals und das Stechen in ihren Augen zurück. Die Blicke der anderen ignorierend, erwiderte sie Sebastians Blick.

„Sebastian“, sagte sie, ihre Stimme nun fester, obwohl sie an den Rändern zitterte, „ich gehe. Aber gib mir meinen Sohn.“

Der Raum wurde still, noch stiller als zuvor. Einige Gäste warfen sich verwirrte Blicke zu und flüsterten.

Sebastians Miene verfinsterte sich, sein Kiefer spannte sich an. Er warf einen flüchtigen Blick auf den Butler, Mike Johnson, der schweigend in der Nähe gestanden hatte.

Mike zögerte. „Mr. Lancaster, das …“

„Bring sie zu ihm“, befahl Sebastian in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Sein Blick, kalt wie Stahl, war auf Rachel gerichtet. „Sieh ihn dir an und dann verschwinde. Für immer.“

Das Gift in seinen Worten schnürte ihr die Brust zu, aber der Gedanke an ihr Kind wog schwerer als alles andere.

Sie stolperte Mike hinterher, ohne Sebastian oder Laura eines weiteren Blickes zu würdigen.

Mike führte sie wortlos, nicht zu den hellen, prächtigen Schlafzimmern des Haupthauses, sondern einen düsteren Flur hinunter. Je weiter sie gingen, desto kälter wurde die Luft, durchzogen vom leichten Geruch nach Feuchtigkeit und Staub.

Mit jedem Schritt sank ihr Herz tiefer.

Schließlich blieb Mike vor einer niedrigen, verwitterten Tür stehen. Sie sah aus, als gehörte sie zu einem längst vergessenen Abstellraum.

Mit einem Seufzer zog er einen Schlüsselbund vom Gürtel und schloss auf.

„Er ist drinnen“, sagte Mike leise, und zum ersten Mal an diesem Abend lag so etwas wie Mitleid in seiner Stimme.

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