Kapitel 2 Nur ein Bastard

Rachels Hand zitterte, als sie die Tür aufstieß.

Eine Welle feuchter, eisiger Luft schlug ihr entgegen und ließ ihre Haut erstarren.

Der Raum hatte keine Fenster, nur eine einzige schwache Glühbirne warf einen kränklichen gelben Schein und erhellte den engen, erstickenden Raum nur spärlich.

Das war kein Ort für ein Kind.

Es gab nichts außer einem schmalen Feldbett, über das eine dünne, schimmlige Decke geworfen war.

In der Ecke des schmalen Bettes kauerte eine kleine, zerbrechliche Gestalt.

Der Junge war schmerzhaft dünn und trug schmutzige, schlecht sitzende Kleidung, die an seinem zarten Körper schlotterte. Sein Gesicht war blass, sein Haar spröde und ausgeblichen, und er umklammerte ein Stück hartes, altes Brot, an dem er in winzigen Bissen nagte.

Bei dem Geräusch der Tür zuckte er zusammen und hob den Kopf. Seine großen Augen waren von Angst und Misstrauen erfüllt, wie die eines streunenden Kätzchens, das zu oft getreten worden war.

In dem Moment, als er eine Fremde sah, wich er an die Wand zurück und ließ das Brot aus seinen Fingern gleiten. Sein kleiner Körper zitterte unkontrolliert.

Rachel erstarrte, ein Schock lähmte jeden ihrer Muskeln, und ihr Blut gefror zu Eis.

Ihr Sohn?

Das Kind, nach dem sie sich jeden Tag und jede Nacht im Gefängnis gesehnt hatte? Seit wann war die Familie Lancaster so tief gesunken, dass sie nicht einmal mehr ein Kind ernähren konnte?

Ihr Sohn war an einem Ort wie diesem eingesperrt worden – versteckt wie eine Ratte im Dunkeln.

„Mein Schatz …“, ihre Stimme brach, und die Tränen strömten, bevor sie sie aufhalten konnte.

Sie stürzte förmlich nach vorn, verzweifelt darauf aus, den Jungen in ihre Arme zu ziehen.

Doch die plötzliche Bewegung ließ ihn vor Entsetzen aufschreien. Er krabbelte weg, vergrub sein Gesicht in den Knien, und ein leises, gebrochenes Wimmern entkam seiner Kehle.

Sebastian. Wie konnte er nur so grausam sein? Er mochte sie hassen, aber das Kind war unschuldig.

Trauer und Wut brachen wie eine Flutwelle über sie herein und drohten, sie zu ertränken.

Sie wirbelte herum und stürmte aus dem winzigen, stickigen Raum, rannte kopfüber zurück in die noch immer tobende Party.

Ihr plötzliches Wiederauftauchen durchbrach die Musik und das Geplapper. Köpfe drehten sich um, Augen weiteten sich bei ihrem Anblick – mit wildem Blick, durchnässt und zitternd.

Sebastian stand mit einem Glas Wein in der Hand da, Laura an seiner Seite, ihr Lächeln so poliert wie die Diamanten an ihrem Hals.

Rachel stürmte geradewegs auf ihn zu, Tränen rannen ihr über das Gesicht. Sie zeigte zurück in die Richtung, aus der sie gekommen war, ihre Stimme rau und heiser vor Wut.

„Sebastian! Bist du überhaupt ein Mensch? Das ist dein Sohn! Du – du hast ihn da drin eingesperrt? Er ist doch nur ein kleiner Junge! Er hat Angst im Dunkeln! Er hungert! Er dachte, ich würde ihn schlagen! Gott, was hast du ihm angetan?“

Ihre Stimme zitterte, die Worte überschlugen sich in einem beinahe hysterischen Anfall.

Sebastian stellte sein Glas ab und sah sie mit eisiger Distanz an, als würde er eine schlechte Schauspielerin beobachten, die ihre Rolle übertrieb.

„Mein Sohn?“, sein Lachen war kalt und scharf. „Rachel, ich habe den Vaterschaftstest bereits machen lassen. Und du willst immer noch behaupten, er sei meiner? Dieser Junge ist nichts als ein Bastard, den du mit Gott weiß wem bekommen hast. Ich habe ihn gefüttert, ihn von der Straße ferngehalten – das ist mehr, als er verdient.“

„Und was seinen Wohnort angeht?“, er blickte völlig gleichgültig in die Richtung, aus der sie gekommen war. „Für einen Bastard ist ein Dach über dem Kopf bereits ein Luxus.“

„Du Mistkerl!“, schrie Rachel. Sie verstand nicht, wie der Test falsch sein konnte, aber sie hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Wut explodierte in ihr. Sie hob die Hand, um ihn zu schlagen, doch Sebastian packte ihr Handgelenk mit knochenbrechender Kraft.

„Drei Jahre im Gefängnis und du hast immer noch nicht gelernt, wo dein Platz ist.“ Er stieß ihre Hand weg, als würde sie ihn verbrennen, und bellte die Sicherheitsleute an. „Schafft diese Verrückte hier raus. Wenn sie auch nur einen Fuß wieder hier reinsetzt, seid ihr alle gefeuert.“

Die Wachen zögerten keine Sekunde und zerrten die fast schlaffe Rachel zur Tür.

Sie warfen sie hinaus wie Müll und stießen sie auf den kalten, nassen Boden.

Irgendwann hatte ein feiner Herbstregen eingesetzt, der ihre dünne Kleidung durchnässte. Die Kälte kroch ihr bis in die Knochen, doch sie war nichts im Vergleich zu der Kälte in ihrem Herzen.

Drinnen schwoll die Musik wieder an, Gelächter drang in die Nacht, als wäre nichts geschehen.

Ihr Schmerz, ihre Demütigung – innerhalb dieser Mauern war es nichts als eine unwillkommene Störung.

Sie saß im Regen, ihr Blick verschwommen von der Mischung aus Tränen und Wasser, ihr Körper zitterte vor Kälte und Qual gleichermaßen.

Die verängstigten Augen des Jungen, sein kleiner, zerbrechlicher Körper – sie schnitten immer wieder in sie ein wie ein stumpfes Messer.

Und dann hielt ein Paar juwelenbesetzte Stöckelschuhe direkt vor ihr.

Rachel hob benommen den Kopf.

Laura stand unter einem mit Spitze besetzten Schirm und blickte mit dem selbstgefälligen Mitleid einer Siegerin auf sie herab.

Der Star der Party war allein herausgekommen, und es war nicht, um Güte zu zeigen.

„Na, wenn das nicht unsere Frau Lancaster ist“, sagte Laura süßlich, ihre Stimme triefte vor Bosheit. „Sitzt hier draußen im Regen – du musst ja furchtbar frieren. Oh, warte. Ich vergaß. Du wirst nicht mehr lange Frau Lancaster sein. Sebastian lässt die Anwälte bereits die Scheidungspapiere aufsetzen.“

Rachel starrte sie an, die Lippen zitterten, unfähig zu sprechen.

„Sieh dich nur an. Erbärmlich.“ Laura stieß mit ihrer Schuhspitze in eine Pfütze und spritzte schmutziges Wasser auf Rachels Hose. Sie lachte leise. „Aber das hast du dir selbst zuzuschreiben. Du hattest den Titel und hast ihn verschleudert. Betrug, Veruntreuung von Firmengeldern –“

„Das habe ich nicht!“, krächzte Rachel, ihre Stimme wurde vom Regen fast verschluckt, schwach und verzweifelt.

„Spielt es eine Rolle, ob du es getan hast?“ Laura ging leicht in die Hocke, ihre Stimme sank zu einem giftigen Flüstern, das nur für Rachel bestimmt war. „Was zählt, ist, dass Sebastian glaubt, du hättest es getan. Was zählt, ist, dass ich gewonnen habe. Bald wird alles mir gehören – dein Titel, Sebastians Liebe, das Lancaster-Vermögen. Oh, und dieser kleine Bastard.“

Bei den Worten „kleiner Bastard“ schnellte Rachels Kopf hoch, ihre Augen brannten vor mörderischer Wut.

Laura lächelte nur noch breiter. „Sieh mich nicht so an. Gib dir selbst die Schuld, dass du von Gott weiß wem schwanger geworden bist. Sebastians Gesicht, als er diesen DNA-Bericht sah – unbezahlbar. Diesen Balg am Leben zu lassen, ist die größte Gnade, die du jemals von ihm bekommen wirst. Hast du wirklich geglaubt, er würde einen Bastard als seinen Erben aufziehen?“

„Das warst du! Du hast das alles geplant!“ Rachels Zähne klapperten vor Wut.

Laura richtete sich auf, strich ihr Kleid glatt, ihr Gesichtsausdruck war das reinste Bild der Unschuld, durchzogen von Grausamkeit. „Vorsicht, Rachel. Du kannst nicht einfach Anschuldigungen machen. Wo sind deine Beweise? Vor drei Jahren hattest du keine, und jetzt bist du nur eine frisch aus dem Gefängnis entlassene Sträflingin. Wer wird dir schon glauben?“

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