Kapitel 3 Nichts bleibt wie es war
Laura blickte zur Villa und heuchelte Besorgnis. „Ich sollte gehen. Sonst sucht Sebastian noch nach mir. Er erträgt es dieser Tage nicht, auch nur eine Minute von mir getrennt zu sein.“
Sie lachte leise und vielsagend, wandte sich ab und ging zurück auf das warme, goldene Licht zu, das aus dem Haus strömte. Ihre Gestalt wiegte sich mit bewusster Anmut und ließ Rachel allein in der kalten, regengepeitschten Nacht zurück, verschlungen von einer Flut aus Verzweiflung und Hass.
Der Regen wurde stärker und trommelte heftiger auf die Straße. Rachel war völlig durchnässt und ihr Körper zitterte so heftig, dass sie ihre Hände kaum noch spürte. Sie wusste nicht, wohin sie gehen sollte. Die Welt erschien ihr unendlich groß, doch für sie schien es keinen Platz mehr zu geben.
Ihr Blick verschwamm, als plötzlich ein schwarzer, abgenutzter Regenschirm über ihr auftauchte und den eisigen Platzregen abschirmte.
Es war Mike, der Butler.
Sein Gesichtsausdruck war angespannt und zerrissen. Wortlos drückte er ihr den Schirm in die Hand, zog dann ein kleines Bündel Geldscheine aus der Tasche und schob es ihr in die kalten Finger.
„Mrs. Lancaster, nehmen Sie das“, murmelte er mit leiser, eindringlicher Stimme. „Rufen Sie sich ein Taxi. Suchen Sie sich eine Bleibe für die Nacht. Kommen Sie nicht zurück. Mr. Lancaster … er wird seine Meinung nicht ändern.“
Rachel klammerte sich an seinen Ärmel wie eine Ertrinkende, die das letzte Stück Treibholz zu fassen bekommt. Regenwasser rann aus ihrem Haar, und ihre Stimme brach in einem verzweifelten Flehen. „Mike! Bitte! Helfen Sie mir – bringen Sie mir meinen Sohn! Sie haben doch gesehen, wie er dort lebt! Er wird da drinnen sterben! Das Kind wird sterben!“
Mikes Kiefer spannte sich an. Er blickte mit einem Anflug von Unbehagen zur Villa und seufzte dann. „Es ist nicht so, dass ich Ihnen nicht helfen will. Aber er ist, zumindest auf dem Papier, immer noch der Erbe der Familie Lancaster. Mr. Lancaster mag ihn schlecht behandeln, aber er lässt ihn rund um die Uhr bewachen. Ich komme nicht an ihn heran. Mr. Lancaster hat unmissverständlich klargemacht: Wenn der Junge das Anwesen auch nur für einen Moment verlässt, werden wir alle dafür büßen. Sie müssen gehen. Sofort.“
Bevor sie noch ein Wort sagen konnte, wandte Mike sich ab und ging eiligen Schrittes davon, als fürchte er, jemand könnte sie beobachten.
Rachels letzter Hoffnungsfaden riss.
Einen Moment lang stand sie nur da und starrte auf den Schirm und das Geld in ihren Händen, während ihr die Kälte bis tief in die Knochen kroch. Irgendwie zwang sie sich, sich in Bewegung zu setzen – sie taumelte an den Straßenrand und winkte mit den Geldscheinen, die Mike ihr gegeben hatte, ein Taxi heran.
Der Fahrer zögerte beim Anblick ihrer völlig durchnässten, zerzausten Erscheinung, doch schließlich entriegelte er die Tür.
„Wohin?“, fragte er.
Wohin? Rachel starrte durch das regennasse Fenster, ihr Kopf war völlig leer. Gab es überhaupt noch einen Ort für sie?
„Bringen Sie mich nach …“ Sie nannte ihm eine Adresse – ihr Elternhaus, der Ort, an dem sie vor ihrer Ehe gelebt hatte.
Das Auto rollte durch die nassen, schimmernden Straßen und hielt schließlich vor einer etwas in die Jahre gekommenen Villa. Sie wirkte verfallener, als sie sie in Erinnerung hatte, doch im Vorgarten brannte Licht. Jemand war zu Hause.
Rachel bezahlte die Fahrt, stieg mit dem alten Regenschirm aus und ging auf das eiserne Tor zu. Sie drückte die Klingel.
Eine Frau mittleren Alters im Schlafanzug, füllig und mit durchdringendem Blick, trat mit ihrem eigenen Schirm nach draußen. Sie spähte durch die Gitterstäbe zu Rachel hinüber, Misstrauen im Blick. „Wen suchen Sie?“
Rachel erkannte sie sofort – Anna Williams, die Frau ihres Onkels.
„Anna, ich bin’s. Rachel“, sagte sie hastig.
Anna blinzelte und beugte sich vor, um genauer hinzusehen. Ihr Gesichtsausdruck wandelte sich in Überraschung, dann in offene Verachtung. „Rachel? Du bist raus aus dem Gefängnis? Was ist mit dir passiert? Du siehst ja furchtbar aus.“
Sie machte keine Anstalten, das Tor zu öffnen.
„Anna … warum bist du in meinem Haus?“, fragte Rachel, obwohl sich die Antwort bereits in ihrem Kopf abzeichnete.
„Dein Haus?“ Anna stieß ein kurzes, spöttisches Lachen aus. „Das ist schon lange nicht mehr dein Haus. Du weißt doch, was mit deinem Vater passiert ist, oder? Wir leben jetzt hier. Hier ist kein Platz für dich.“
Die Worte trafen Rachel wie ein Stein gegen die Brust.
Sie schluckte schwer. „Wo ist meine Mutter?“
Annas Mund verzog sich zu einem hämischen Grinsen. „Deine Mutter? Hah. Kurz nachdem du ins Gefängnis gegangen bist, ist dein Vater gestorben. Sie hat es vielleicht ein halbes Jahr ausgehalten, bevor sie meinte, sie ertrage das alles nicht mehr. Sie hat neu geheiratet – irgendeinen Kleinunternehmer von außerhalb. Soweit ich weiß, geht es ihr gut. Hat schon seit Jahren nichts mehr mit diesem Haus zu tun. Such bloß nicht nach ihr, du würdest ihr nur das Leben ruinieren.“
Der Regen prasselte gegen den Schirm, ein hohles, unaufhörliches Trommeln. Annas Stimme traf sie wie ein stählernes Gewicht und zerschmetterte das letzte heile Stück ihres Herzens.
Ihr Vater … tot?
Vor ihrer Haft war er zwar krank gewesen, ja, aber die Ärzte hatten gesagt, es gäbe Hoffnung. Sie hatte die Schuld für ein Verbrechen auf sich genommen, das sie nicht begangen hatte, weil Sebastian ihr versprochen hatte, ihm die beste ärztliche Behandlung zukommen zu lassen. Er hatte versprochen, dass ihr Vater eine Chance haben würde.
Drei Jahre lang hatte sie sich an dieses Versprechen geklammert. Durch all den Schmutz und die Demütigungen des Gefängnisalltags hindurch hatte sie durchgehalten und sich immer wieder gesagt, dass sie nach ihrer Entlassung ihren Sohn nach Hause zu einer noch intakten Familie bringen würde.
Und nun erzählte man ihr, ihr Vater sei schon seit Jahren tot?
Wofür hatte sie dann all diese Opfer gebracht?
Sie kam sich vor wie die Pointe eines grausamen Scherzes.
Trauer und Empörung erfassten sie wie eine Flutwelle und raubten ihren Beinen die Kraft. Sie taumelte zurück, der Schirm kippte zur Seite, kalter Regen peitschte ihr ins Gesicht und vermischte sich mit der Hitze ihrer Tränen.
„Nein … das kann nicht sein … Dad …“ Ihre Stimme war so leise, dass sie sie selbst kaum hörte.
In Annas Augen lag kein Funken Mitleid. „Warum nicht? Er ist kurz nach deinem Verschwinden gestorben. Dein Onkel und ich haben uns um die Beerdigung gekümmert. Und jetzt geh. Wie ein Geist mitten in der Nacht hier draußen herumzustehen – das bringt nur Unglück.“
Das eiserne Tor fiel mit einem metallischen Scheppern ins Schloss, sperrte das schummrige Licht des Hofes aus und erstickte Rachels letzte, zerbrechliche Hoffnung.
Sie stand allein im Regen und starrte auf die geschlossene Tür, als hätte die Welt selbst ihr den Rücken gekehrt.
Ihre Mutter. Ja – ihre Mutter!
Rachels Verstand klammerte sich an diesen Gedanken. In diesen drei Jahren hatte ihre Mutter sie zwar nie besucht, aber sie hatte ihr Dinge geschickt – saubere Kleidung, fast neue Bücher, haltbare Lebensmittel. Im Gefängnis waren diese kleinen Päckchen ihre einzige Wärme aus der Außenwelt gewesen.
Ihre Mutter hatte sich um sie gesorgt. Das musste einfach so sein. Vielleicht war sie gezwungen worden, zu gehen. Vielleicht hatten Anna und ihr Onkel sie vertrieben. Vielleicht steckte sie jetzt in Schwierigkeiten und konnte nicht für Rachel da sein.
Ja. So musste es sein.
Ihre Mutter hatte sie nicht im Stich gelassen. Das hätte sie nie getan.
Rachel wandte sich von dem Tor ab. Dies war nicht länger ihr Zuhause.
Sie lief die regenglatte Straße hinab, ihre Beine schwer wie Blei, ihr Geist völlig betäubt. Der Regen fiel unaufhörlich. Der alte Schirm schützte zwar ihren Kopf, doch die Kälte kroch von allen Seiten an sie heran und füllte ihre Brust mit einer hohlen, schmerzenden Leere.
Wohin sollte sie gehen? Wo konnte sie jetzt noch hin?
