Kapitel 4 Dieses Mal stolpert sie
Rachel hatte nichts. Kein Geld. Niemanden mehr, den sie anrufen konnte.
Die wenigen Scheine, die Mike ihr in die Hand gedrückt hatte, waren in dem Moment verschwunden, als sie das Taxi bezahlte. Nun stand sie mit leeren Taschen im Regen, während die Realität wie Eis gegen ihre Rippen drückte.
Würde sie an genau dem Tag, an dem sie aus dem Gefängnis kam, wirklich auf der Straße schlafen müssen?
Ihr Kind war noch immer in dieser Hölle der Lancaster-Familie gefangen und ertrug Gott weiß was. Sie durfte nicht zusammenbrechen. Noch nicht. Aber sie war so müde. So durchgefroren. So vollkommen ausgehöhlt.
Regen und Tränen verschleierten ihre Sicht, bis das Leuchten der Straßenlaternen zu formlosen Lichthöfen verschwamm. Ihre Schritte gerieten ins Stocken, ihr Körper schwankte, als könnte die nächste Böe sie endgültig in den überfluteten Rinnstein stoßen.
Dann tauchte durch den Vorhang aus Regen eine große Gestalt auf, die sich zielstrebig auf sie zubewegte.
Rachel hob benommen den Kopf und versuchte, klar zu sehen. Der Platzregen fing sich im Licht um ihn herum und verwandelte sich in eine schwache, flackernde Aura. Er hielt einen schwarzen Regenschirm, die Schultern unter einem perfekt geschnittenen dunklen Mantel gestrafft. Vor dem Hintergrund des rissigen Asphalts und ihres eigenen Ruins wirkte er, als gehörte er einer völlig anderen Welt an.
Er fing sie auf, bevor sie stolpern konnte, und sein Blick hielt den ihren mit einer unergründlichen Mischung aus Gefühlen fest.
Ihr Herz machte einen seltsamen, erschrockenen Satz.
Wer war dieser Mann? Und warum sah er sie so an?
Instinktiv spannte sie sich an, bereit, ihn wegzustoßen. Doch dann fiel das Licht der Straßenlaterne auf sein Gesicht, und der Atem gefror ihr in der Lunge.
Scharfe Wangenknochen. Eine gerade, aristokratische Nase. Die Lippen zu einer festen Linie zusammengepresst. Der Junge, an den sie sich erinnerte, war schmal und still gewesen, seine Züge von der Jugend weichgezeichnet. Der Mann vor ihr besaß die harten Kanten von jemandem, der sich an die Spitze gekämpft hatte – und dort geblieben war.
Aber diese Augen. Diese tiefen, fesselnden Augen – sie könnte sie niemals verwechseln.
„Charles Grey?“ Der Name entwich ihr in einem heiseren Flüstern, während Unglaube in ihrer Kehle kratzte.
Es ergab keinen Sinn.
Charles war in der Mittel- und Oberstufe ihr Klassensprecher gewesen. Der Junge in der verwaschenen Schuluniform, immer still, immer der Klassenbeste, immer das Ziel der Grausamkeit der reichen Kinder. Derjenige, der sich nie wehrte.
Sie hatte gehört, dass er ein Vollstipendium für eine Universität in Übersee bekommen hatte. Danach nichts mehr.
Und nun war er hier – keine Spur mehr von dem armen, in sich gekehrten Jungen, den sie gekannt hatte. Dieser Mann strahlte Macht aus, seine Präsenz war mühelos gebieterisch.
Charles musterte sie – ihr blasses, regendurchtränktes Gesicht, den Schock, der ihre Augen weitete. Für einen Moment flackerte etwas Rohes und Gefährliches in seinem Blick auf, das rasch unter ruhiger Gelassenheit erstickt wurde.
Er neigte den Regenschirm zu ihr und schirmte sie vollständig vor dem Regen ab.
„Rachel.“ Seine Stimme war jetzt tiefer, voller, und trug das Gewicht der Jahre. Ihr Klang war stetig, erdend, als könnte nichts auf der Welt sie berühren. „Es ist lange her.“
Sie starrte ihn an, gefangen zwischen Unglauben und der plötzlichen, schwindelerregenden Erleichterung, in den Trümmern ihrer Nacht ein vertrautes Gesicht zu sehen.
„Du … wie …?“ Ihre Worte verhedderten sich, nur halb geformt.
Sein Blick huschte über ihre durchnässte, dünne Kleidung, und seine Stirn zog sich fast unmerklich kraus. Ohne zu fragen, streifte er seinen Mantel ab – feine Wolle, noch warm von seinem Körper – und legte ihn über ihre zitternden Schultern.
Die Wärme drang sofort in sie ein und vertrieb einen Bruchteil der Kälte, die ihr bis in die Knochen gekrochen war.
„Ich war auf der Durchreise“, sagte er schlicht und beantwortete die Frage, die sie nicht zu Ende gestellt hatte. Doch sein Blick wich nicht von ihr, als wollte er sich jedes Detail ihres gegenwärtigen Zustands ins Gedächtnis brennen.
Sie glaubte ihm nicht. Nicht für eine Sekunde. Diese Straße lag auf keinem Weg, schon gar nicht in einer Nacht wie dieser. Aber sie fror zu sehr und war zu erschöpft, um weiter nachzuhaken.
Die Wärme des Mantels und das plötzliche Auftauchen der einzigen Person aus ihrer Vergangenheit, die ihr jemals Freundlichkeit entgegengebracht hatte, gaben ihr einen zerbrechlichen Anker in einer Nacht, die aus nichts als Verlust bestanden hatte.
„Charles …“ Ihre Stimme brach, ihre Augen brannten erneut. Der Damm in ihrem Inneren drohte zu brechen.
Er sah sie einen langen Moment an. Seine Kehle arbeitete, als würde er Worte herunterschlucken, die er nicht aussprechen wollte. Seine Hand hob sich leicht, zögerte und legte sich dann auf ihren Arm – fest genug, um ihr Halt zu geben, ohne sie einzuengen.
„Ich bringe dich nach Hause.“ Die Worte waren leise, sachlich, ohne jede Forderung oder Frage. Doch bei dem Wort Zuhause schnürte es ihr schmerzhaft die Brust zu.
Sie antwortete nicht. Sie konnte nicht. Und sie hatte keine andere Wahl.
Er führte sie zu einer schwarzen Limousine, die im Schatten geparkt war. Die Scheinwerfer flammten auf, der Motor schnurrte leise und sanft.
Rachel ließ sich führen, ihr Kopf war völlig leer. Sie wusste nicht, warum Charles hier war, wer er geworden war oder wohin er sie bringen wollte. Aber in diesem Moment war er der einzige feste Halt in einer Welt, die zusammengebrochen war.
Die Tür öffnete sich. Warme Luft strömte heraus. Er schützte ihren Kopf mit der Hand, als sie hineinglitt.
Als die Tür zufiel, warf sie durch das regennasse Fenster einen letzten Blick auf das Haus, in das sie niemals zurückkehren konnte, und auf die unbarmherzige Nacht, die sie vertrieben hatte. Dann schloss sie die Augen und klammerte sich an die kleine Insel der Wärme, die ihr geschenkt worden war.
Und in der Dunkelheit hinter ihren Lidern stieg ein anderer Regentag in ihrer Erinnerung auf.
Sie hatte am Rand des Schulhofs gestanden und zugesehen, wie eine Gruppe von Jungen eine mit Urin gefüllte Flasche in den Schlamm warf und Charles aufforderte, sie zu holen, während ihre Stimmen vor Spott trofften.
Er hatte sie ignoriert, also hatten sie angefangen, ihn zu schubsen.
Rachel war dazwischengegangen und hatte sie angeschrien, bis sie zurückwichen und lachend abzogen. Dann hatte sie ihm unbeholfen das halb ausgetrunkene Getränk in ihrer Hand hingehalten.
„Du musst das nicht anfassen“, hatte sie mit rauer Stimme gesagt. „Hier. Ich schaffe das sowieso nicht mehr. Könntest du … es für mich wegwerfen?“
