Kapitel 7 Ich muss zurück

Charles hielt sich nicht zurück. Seine Stimme hart wie Stahl. „Raus. Jetzt.“

„Sie!“ Sebastian war fassungslos über Charles' Dreistigkeit, ihn so schroff abzuweisen. Sein Gesicht verzerrte sich vor Wut und er ballte die Hände zu Fäusten, seine Raserei kaum im Zaum haltend. Es war jene Art von Zorn, die aufstieg, wenn die eigene Autorität infrage gestellt und der eigene Besitz bedroht wurde.

In diesem Moment öffnete sich knarrend die Tür des Gästezimmers.

Rachel stand im Türrahmen, offensichtlich von dem Lärm geweckt. Sie trug die schlichte Kleidung, die Nina für sie bereitgelegt hatte, ihr Haar war ordentlich gekämmt. Obwohl ihr Gesicht noch immer blass war, lag in ihren Augen nicht mehr dieselbe Verletzlichkeit; stattdessen waren sie von einer kalten, ruhigen Entschlossenheit erfüllt.

Sie betrachtete die angespannte Konfrontation zwischen Sebastian und Charles im Wohnzimmer. Als ihr Blick auf Sebastians verzerrtes Gesicht fiel, lag darin nichts als eisige Verachtung und tiefe Erschöpfung.

„Sebastian.“ Ihre Stimme war klar und fest, mit einem Unterton von Distanziertheit. „Ob ich bleibe oder gehe, hast nicht du durch Herumbrüllen zu entscheiden. Du bist hier nicht willkommen. Bitte geh.“

Da war keine Hysterie, keine flehende Angst. Nur eine fast gleichgültige Ruhe, während sie ihn ihrerseits zum Gehen aufforderte, als wäre er der unwillkommene Eindringling.

Sie dort stehen zu sehen, gefasst und in Charles' Revier, wie sie in einem derart distanzierten Ton mit ihm sprach und dabei einen anderen Mann verteidigte – Sebastian spürte eine Welle aus Eifersucht, Wut und Kränkung in sich aufsteigen. Das Gefühl von Verrat und Provokation raubte ihm beinahe den Verstand.

Wie konnte sie es wagen, ihn so anzusehen? Wie konnte sie es wagen, einen anderen zu verteidigen?

„Rachel, komm her!“, blaffte er, als wolle er seinen Besitzanspruch erneuern, und trat vor, um mit einer groben Bewegung nach ihrem Handgelenk zu greifen.

Doch Charles war schneller. Geschmeidig trat er zwischen sie, wehrte Sebastians Hand ab und bedachte ihn mit einem kalten Blick. „Mr. Lancaster, muss ich den Sicherheitsdienst rufen, damit man Sie nach draußen ‚eskortiert‘?“

Seine beschützende Haltung war unmissverständlich.

Sebastian starrte auf die Szene, die sich ihm bot. Rachel, die hinter Charles stand, abweisend und doch seinen Schutz annehmend. Seine Brust hob und senkte sich vor Wut, die Adern an seinen Schläfen pochten.

Er funkelte Rachel an, als wolle er sie durchbohren, und stieß schließlich durch zusammengebissene Zähne hervor: „Rachel, ich werde unten warten. Dieses Wochenende kommst du mit mir und deinem Sohn mit, um meinen Großvater zu besuchen!“

Er wusste genau, welches Druckmittel er einsetzen musste: seinen Großvater und ihren Sohn. Sie konnte nicht ablehnen.

Damit drehte er sich abrupt um und schlug die Tür hinter sich zu.

Rachel schwankte bei dem lauten Knall leicht, fing sich jedoch schnell wieder. Die Ruhe, die sie bewahrt hatte, hatte sie viel Kraft gekostet.

Charles stützte sanft ihren Arm und spürte ihr leichtes Zittern. „Alles ist gut. Er ist weg“, sagte er leise.

Rachel sah zu Charles' markanter Kinnpartie auf, ihre Gefühle eine Mischung aus Dankbarkeit und innerer Zerrissenheit. Sie wusste, dass Sebastian die Sache nicht so einfach auf sich beruhen lassen würde. Und Charles hatte sich, indem er sich für sie einsetzte, den mächtigen und rachsüchtigen Sebastian zum Feind gemacht.

Sie schloss die Augen. Holte tief Luft, und als sie sie wieder öffnete, waren sie von klarer Entschlossenheit erfüllt. „Charles, danke, dass du mich beschützt hast. Aber ich muss zurück.“

Charles kniff die Augen zusammen. „Zurückgehen? An diesen Ort, wo du weiterhin gedemütigt wirst? Wo du weiterhin von Sebastian und Laura gequält wirst? Rachel, bist du wirklich bereit dafür?“

„Ich weiß!“ Rachel holte tief Luft. „Aber nur, wenn ich zurückgehe, kann ich mein Kind beschützen und es vielleicht sogar von dort wegholen!“

Sie sah Charles an. Ihre Augen waren von einem verzweifelten, aber klaren Licht erfüllt. „Er ist mein Sohn, das Kind, das ich im Gefängnis zur Welt gebracht habe. Nur für ihn habe ich so lange überlebt.“

Für sie und Sebastian gab es keine Zukunft, aber nur, wenn sie zurückging, konnte sie um die Scheidung und das Sorgerecht kämpfen!

Charles sah die wilde Entschlossenheit in ihren Augen, die Stärke einer Mutter, und brachte es nicht über sich, ihr zu widersprechen.

Er verstand ihre Entscheidung und konnte nichts dagegen einwenden.

„In Ordnung.“ Charles nickte schließlich. „Ich respektiere deine Entscheidung. Aber vergiss nicht, ich bin immer für dich da. Wenn du etwas brauchst, wenn du in irgendeiner Gefahr schwebst, finde einen Weg, mich zu kontaktieren.“

Er reichte ihr ein unscheinbares neues Handy und einen winzigen Notfall-Sender. „Auf dem Handy ist nur eine einzige Nummer gespeichert, meine. Es ist eine private Leitung, absolut abhörsicher. Wenn du den Alarm drückst, kenne ich sofort deinen Standort. Versteck ihn gut. Er darf auf keinen Fall gefunden werden.“

Rachel nahm die Gegenstände entgegen, spürte ihr Gewicht und einen Schimmer der Hoffnung. Sie nickte entschlossen. „Danke.“

„Du musst mir nicht danken“, sagte Charles mit unergründlichem Blick. „Rachel, beschütze dich selbst, damit du diejenigen beschützen kannst, die dir am Herzen liegen.“

Er nahm sein Handy und wählte die Nummer, die Sebastian hinterlassen hatte.

„Mr. Lancaster.“ Charles’ Stimme war ruhig und fest. „Ms. York hat sich entschieden, mit Ihnen zurückzukehren.“

Am anderen Ende der Leitung entstand eine kurze Pause, gefolgt von Sebastians spöttischem Lachen. „Hmpf, sie hat die richtige Wahl getroffen. Schicken Sie sie nach unten. Mein Wagen wartet.“

„Ich werde sie hinunterbringen“, erwiderte Charles und legte auf.

Charles begleitete sie persönlich nach unten.

Tatsächlich parkte Sebastians schwarzer Bentley draußen. Das Fenster glitt herunter und gab den Blick auf sein strenges, ungeduldiges Profil frei.

Als Sebastian Rachel in der teuren Sportkleidung sah, wie sie Charles folgte, loderte seine Wut nur noch heftiger auf.

Rachel sah ihn nicht an. Sie hielt den Kopf gesenkt, ging geradewegs auf den Bentley zu, öffnete die Tür und stieg ein.

Sebastian würdigte Charles keines weiteren Blickes, als wäre dieser völlig unbedeutend, und befahl dem Fahrer kalt: „Fahren Sie.“

Der Wagen raste davon.

Charles blieb stehen. Er sah dem verschwindenden Wagen nach, sein Blick unergründlich und die Hände leicht zu Fäusten geballt.

Im Inneren des Wagens war die Atmosphäre geradezu erstickend.

Sebastian brach das Schweigen mit einem kalten Schnauben. „Gut, dass du weißt, in wessen Hand dein Schicksal liegt. Bilde dir bloß nicht ein, dass Charles dich beschützen könnte.“

Rachel wandte den Kopf ab, blickte aus dem Fenster auf die rasch vorbeiziehende Landschaft und schwieg.

Ihr Schweigen wirkte auf Sebastian wie Unterwerfung und Einlenken. Es besänftigte die Wut, die Charles in ihm entfacht hatte, ein wenig, ersetzte sie jedoch durch noch tiefere Verachtung.

Tief in seinem Innern war Sebastian davon überzeugt, dass Rachel eitel und wankelmütig war. Sie hatte sich an Charles geklammert, solange sie glaubte, er besäße Macht, kam aber direkt wieder angekrochen, als sie erkannte, dass die Lancasters am längeren Hebel saßen.

Dabei vergaß er völlig, dass er sie gewaltsam zur Rückkehr gezwungen hatte.

Der Wagen fuhr auf das Anwesen der Lancasters. Beim Anblick der vertrauten Umgebung zeigte sich in Rachels ruhigen Augen endlich ein Hauch von Emotion.

Wenn sie schon nicht fliehen konnte, würde sie sich der Situation stellen.

Sobald der Wagen hielt, stieg Sebastian als Erster aus und ging auf das Haupthaus zu.

Rachel öffnete ihre Tür selbst und trat auf den glatten, kalten Marmorboden.

Als sie das Wohnzimmer betrat, traf sie auf Laura, die in weicher, eleganter Hauskleidung eine Tasse Kräutertee in den Händen hielt. Laura kam ihr mit einem Lächeln entgegen, das ihre Augen nicht erreichte, und führte sich auf, als wäre sie die Herrin des Hauses.

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