Kapitel 9 Ich hätte hier sein sollen

Rachel stand da wie ein in die Enge getriebenes Tier, die Brust wogend, die blutunterlaufenen Augen mit einer Wildheit auf Sebastian fixiert, die ihn herausforderte, auch nur einen weiteren Schritt zu wagen.

„Du hast ihn eingesperrt, du hast ihn leiden lassen, und jetzt, da er krank ist, ist dein erster Gedanke, dass ich ihm etwas angetan habe? Sebastian, du bist ein verdammter Bastard!“

Ihre Stimme war rau, brach vor Zorn und hallte durch den hohen Raum. Die Wucht ihrer Worte ließ die Bediensteten den Blick abwenden und in die Schatten zurückweichen.

Laura zuckte bei diesem Wutausbruch zusammen und wich instinktiv einen Schritt zurück, doch sie fasste sich schnell und setzte eine zitternde, tränenfeuchte Maske auf. Sie klammerte sich an Sebastians Ärmel. „Sebastian, bitte, sie ist nur aufgewühlt. Sie wollte nicht so mit dir sprechen.“

Die Worte waren süßes Gift, darauf ausgelegt, das Messer in der Wunde umzudrehen.

Sebastians Kiefer spannte sich an, eine Ader pochte an seiner Schläfe. „Wer sollte es sonst gewesen sein? Sie war die Einzige, die letzte Nacht im hinteren Garten war. Wer weiß, was sie geplant hat? Vielleicht wollte sie diesen Bastard nur aus dem Weg räumen, damit sie –“

Das scharfe Klatschen einer Ohrfeige durchschnitt die Luft.

Rachels Handfläche brannte, doch sie zuckte nicht mit der Wimper. Sie starrte auf den frischen roten Abdruck, der auf seiner Wange aufblühte. Ihre Stimme zitterte vor Zorn, doch sie war messerscharf. „Das ist dafür, dass du blind bist, dass du dich weigerst, die Wahrheit zu sehen. Sebastian, du taugst nicht zum Vater. Du bist niemandes Vertrauen wert. Du verdienst nichts anderes als die Lügen, die Laura dir auftischt.“

Sebastians Kopf war durch die Wucht des Schlages zur Seite gerissen worden. Nun wandte er sich langsam wieder ihr zu, seine Augen verdunkelten sich wie eine aufziehende Sturmfront.

Laura keuchte auf, ihre Stimme wurde schrill. „Rachel! Wie kannst du es wagen, ihn zu schlagen!“

Rachel ignorierte sie, den Blick fest auf Sebastian gerichtet. Noch während er unter dem Schock taumelte, trieb sie ihre Worte wie eine Klinge in ihn. „Du glaubst, ich habe meinem Sohn etwas angetan? Gut. Ich werde mich selbst um ihn kümmern. Wenn ihm etwas zustößt, lege ich mein Leben in deine Hände. Aber wenn du mich jetzt aufhältst, bedeutet das, dass du etwas zu verbergen hast. Es bedeutet, dass du Angst hast, ich könnte herausfinden, wer wirklich versucht hat, deinem Sohn zu schaden.“

Sie ließ ihm keine Zeit zum Nachdenken. Sie hatte ihre Forderung, ihre Unschuld und die Jagd nach der Wahrheit zu einem unlösbaren Knoten verknüpft.

Für einen Moment zögerte Sebastian. Ihre Augen brannten – nicht mit der flehenden Unterwerfung, die er gewohnt war, sondern mit einer kalten, unerschütterlichen Entschlossenheit, die ihm auf unbegreifliche Weise die Brust zuschnürte.

Lauras Stimme schnitt dazwischen, schrill vor Panik. „Sebastian, du kannst sie nicht –“

„Halt den Mund!“ Sein barscher Befehl brachte sie zum Schweigen. Sein Blick ruhte weiterhin auf Rachel – zwiespältig, berechnend. Er verabscheute ihren Trotz, doch irgendwo tief unter seinem Zorn regte sich ein Gedanke, den er nicht wahrhaben wollte.

Vielleicht … vielleicht war dieser Junge wirklich sein Sohn.

Er riss seinen Arm aus Lauras Griff. „Gut. Ich gebe dir diese Chance. Aber wenn ihm etwas zustößt, Rachel, werde ich dafür sorgen, dass du um den Tod bettelst.“

Rachels Knie gaben fast nach, doch sie zwang sich, aufrecht stehen zu bleiben. Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich ab und rannte zum hinteren Garten; ihre Schritte waren unsicher, aber hastig.

Sie stolperte in das dämmrige, kleine Zimmer. Ihr Sohn – so klein, so herzzerreißend dünn – lag zusammengerollt auf einem schmalen Bett, sein Gesicht gerötet vor Fieber, der Atem flach, und ein leises Wimmern entwich ihm, wann immer der Schmerz seinen Magen verkrampfte.

Der Anblick raubte ihr die Luft zum Atmen. Sie ließ sich neben ihm auf die Knie fallen, ihre Hand zitterte, als sie den Schweiß von seiner brennenden Stirn strich. „Baby, Mama ist hier. Mama ist jetzt da.“ Ihre Stimme brach, Tränen verschleierten ihren Blick.

Der Junge zuckte bei ihrer Berührung zusammen, die Augen weit und wachsam, die Lippen fest aufeinandergepresst, als hätte er Angst, ein Geräusch zu machen. Er sah sie an wie ein Kind, das gelernt hatte, dass man Schmerz am sichersten schweigend ertrug.

Dieser Blick schnitt tiefer als jede Klinge.

Rachel schluckte ihr Schluchzen hinunter und zwang ihre Stimme zu einem warmen Flüstern. „Ich bin es, mein Schatz. Ich bin's, Mama. Es tut mir so leid. Ich hätte früher hier sein sollen.“

Sie holte warmes Wasser, wrang ein weiches Handtuch aus und wusch seine fiebrige Haut mit der Behutsamkeit von jemandem, der eine unbezahlbare Reliquie in den Händen hält. Sie summte ein Schlaflied, von dem sie sich schon vor seiner Geburt ausgemalt hatte, es ihm einmal vorzusingen.

Zuerst blieb er steif und sein Blick wich ihr aus. Aber der sanfte Rhythmus ihrer Hände und die leise, stockende Melodie begannen, die Angst in seinem kleinen Körper zu lösen.

Er starrte auf ihr tränenüberströmtes Gesicht, auf die fremde Frau, die durch ihren Schmerz hindurch lächelte, und in der Tiefe seines Seins erkannte er sie.

Rachel brachte ihn sanft dazu, an etwas warmem Wasser zu nippen, und befeuchtete seine rissigen Lippen mit einem Wattestäbchen. Sie sprach unentwegt weiter – über die Welt draußen, darüber, wie sehr sie ihn vermisst hatte und dass sie ihn nie wieder verlassen würde.

Die Zeit verschwamm. Einmal, als er unruhig wimmerte, strich sie ihm über den Rücken und murmelte: „Mama ist hier. Du bist in Sicherheit.“

Seine fiebrigen Lippen bewegten sich und formten einen Laut, der so leise war, dass sie fast glaubte, sie hätte ihn sich nur eingebildet.

„Ma … Ma.“

Es war undeutlich, kaum mehr als ein Hauch, aber sie hörte es.

Freude und Trauer überrollten sie im selben Atemzug. Sie nahm ihn in die Arme und drückte ihn an sich, als könnte sie ihn so vor jedem Schmerz bewahren. „Ja, mein Baby, Mama ist hier. Sag es noch mal. Bitte, sag es noch mal.“

Doch der Junge war bereits wieder in den Schlaf geglitten, und seine Stirn glättete sich, als wäre eine unsichtbare Last von ihm abgefallen.

Rachel hielt ihr lang verlorenes Kind fest umklammert; das schwache Pochen seines Herzens pulsierte gegen ihre Handfläche. In diesem einen Wort – „Ma“ – fand jede Wunde, jede Demütigung, jedes gestohlene Jahr seinen Sinn.

Sie war wieder ganz.

Oben im Arbeitszimmer lockerte Sebastian seine Krawatte, seine Gedanken in Aufruhr. Die Ohrfeige, ihr Trotz, die Art, wie sie ihm Lauras Namen an den Kopf geworfen hatte – all das spielte sich wieder und wieder in seinem Kopf ab.

Er dachte an die Zeit vor drei Jahren – an Laura –, er hatte nie an ihr gezweifelt. Aber Rachels Wut heute hatte sich nicht gespielt angefühlt.

Und dieser Junge … Sebastian hasste die Umstände seiner Geburt, aber die Ähnlichkeit war nicht zu leugnen.

Er drückte den Knopf der Gegensprechanlage. „Herein.“

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