KAPITEL 1 | Der Fremde.

Isabelle starrte auf die reglose Gestalt, die vor ihr auf der rostfarbenen Erde lag. Es war unverkennbar ein Mensch, doch er rührte sich nicht. Zaghaft und mit gebotener Vorsicht sah sie sich nach einem Hinweis um, wer ihn hierher gebracht haben könnte oder wer für seinen lebensbedrohlichen Zustand verantwortlich war. Sie entdeckte weder Fußspuren, noch trug die Luft die Witterung eines anderen Wesens in sich; da war nur der durchdringende Blutgeruch des Fremden, der sich mit einer herben, männlichen Note mischte.

Mit beiden Händen drehte sie ihn auf den Rücken. Aus einer klaffenden Wunde im Brustbereich sickerte unaufhörlich Blut durch sein Hemd. Eine weitere Wunde an seiner Stirn verstärkte den Blutgeruch, und eine feine Narbe durchzog seine markanten Gesichtszüge, als hätte ihm jemand absichtlich einen Schnitt zugefügt, der knapp neben dem Auge begann und bis zu den Mundwinkeln reichte. Die fahle Blässe seiner Haut riss sie aus ihrer aufmerksamen Musterung und zwang sie zum schnellen Handeln.

Sein Zustand duldete keinen Aufschub; bloßes Beobachten reichte hier nicht aus. Isabelle presste ihr Ohr an seine Brust, um nach einem Herzschlag zu lauschen, während sie ihre Finger dicht unter seine Nase hielt, um seinen Atem zu spüren. Sein Puls war schwach, als würde er langsam aus dieser Welt ins Unbekannte hinübergleiten, und in diesem Moment wusste Isabelle, dass ihr keine andere Wahl blieb, als dem Fremden zu helfen.

Hastig riss sie die Ärmel ihres Kleides ab, um das Blut zu stillen, das unaufhörlich aus seinem Körper auf die dunkle, schmutzige Erde sickerte. Mit purer Entschlossenheit und einer Kraft, von der sie nicht einmal geahnt hatte, dass sie sie besaß, schleifte sie ihn zu der halb verfallenen Hütte, in der sie die letzten Tage Zuflucht gefunden hatte. Ächzend bettete sie ihn in die Nähe der Feuerstelle. Sie hatte das Feuer entfacht, bevor sie sich auf die Suche nach Nahrung gemacht hatte – und dabei auf den Fremden gestoßen war, den man hier zum Sterben zurückgelassen hatte. Über den Flammen kochte bereits Wasser, und so nutzte sie das saubere Nass hastig, um seine Wunden auszuwaschen und abzuschätzen, wie tief und schwerwiegend sie waren.

Seine Lippen waren völlig blutleer, und der Rest seines Körpers schien es ihnen gleichzutun. Sein muskulöser Körperbau verriet einen Mann, der an harte körperliche Arbeit gewöhnt war, und die sonnengebräunte Haut machte deutlich, dass er viel im Freien arbeitete. Er strahlte eine unbändige Kraft aus, und Isabelle fragte sich unwillkürlich, wie ein derart robuster Mann so nah an die Schwelle des Todes geraten konnte.

Sie schob ihre Neugier beiseite und öffnete das Hemd, das vom vielen Blut an seiner Haut klebte. Ein plötzliches, scharfes Kribbeln durchfuhr sie, und sie erschauderte unmerklich, als ihre Finger seine nackte Brust streiften. Mit ihrer schlanken, milchweißen Hand fühlte sie nach seiner Stirn, um die Temperatur zu prüfen. Er glühte förmlich vor Fieber – eine Hitze, die ausgereicht hätte, um einen gewöhnlichen Mann in die Knie zu zwingen. Mit einem leisen Zischen und gerunzelter Stirn machte sie sich daran, ihn so gut wie möglich zu säubern.

Isabelle schnappte sich ihre Heilertasche vom Tisch und nahm all ihren Mut zusammen, um die Wunden gründlich zu reinigen, denn sie wusste: Blieben sie unbehandelt, würden sie sich entzünden und könnten einen derart faszinierenden Mann das Leben kosten. Sie nähte die Wunde an seiner Brust. Erst als sie sich vergewissert hatte, dass jede Gefahr einer Infektion gebannt war, legte sie einen Umschlag auf die Narbe in seinem Gesicht und verteilte zu einer Paste zerstoßene Heilkräuter auf der Wunde an seiner Stirn.

Um sicherzugehen, dass sie keine Verletzung übersehen hatte, zog Isabelle ihm mit Unbehagen und zitternden Fingern die restliche Kleidung aus. Sie nestelte an den Bändern seiner Hose und half ihm mit abgewandtem Blick heraus. Ihre Finger bebten, als sie bei der Untersuchung seine nackten Oberschenkel berührte, ehe sie ihm die Stiefel abstreifte.

Gott sei Dank wies sein Unterkörper keine Wunden auf.

Sie ließ ihm lediglich die Unterhose und sammelte die restlichen Kleidungsstücke zusammen, um sie zu waschen, damit er saubere Sachen hätte, wenn er erwachte.

Als sie nach draußen trat, jagte ihr die eisige Luft einen kalten Schauer über den Rücken. Wie in Trance blieb Isabelle an der Tür stehen.

„Wenn ich trotz meiner Kleidung schon friere, frage ich mich, wie es ihm erst ergehen muss“, sagte sie laut zu sich selbst, bevor sie hastig wieder ins Haus eilte.

Der Fremde lag noch genau so da, wie sie ihn zurückgelassen hatte. Sie schickte ein stilles Gebet für seine Genesung gen Himmel und breitete ihren einzigen Umhang über seinen Körper aus, wobei sie seine Brust unbedeckt ließ.

Mit einem weiteren Gebet um Schutz eilte sie aus dem Haus hinunter zum nahe gelegenen Bach. Sie wusch die Überreste seines zerrissenen Hemdes und seiner Hose, säuberte die Stiefel und kehrte anschließend in die Hütte zurück, um alles am Feuer zu trocknen. Sie hielt die Kleidungsstücke so lange nah an die Feuerstelle, bis sie von allen Seiten durchgetrocknet waren.

Ein Gähnen entwich ihr, ausgelöst von der Erschöpfung und dem Hunger, die ihr tief in den Knochen saßen. Es war riskant, den Fremden in einem derart wehrlosen Zustand allein zu lassen – zumal sie noch immer nicht wusste, warum man ihn in der Nähe ihres Hauses zum Sterben zurückgelassen hatte –, doch es war ebenso gefährlich, die Nacht ohne jegliche Nahrung zu verbringen.

Ihr Magen knurrte protestierend und trieb sie unwillkürlich in Richtung der Tür. Isabelle wandte sich noch einmal um und ließ den Blick auf dem Fremden ruhen, ehe sie hinausging, ohne sich ein weiteres Mal umzusehen.

Zahllose Gedanken schwirrten ihr durch den Kopf, während sie tiefer in den Wald vordrang, wo es noch dunkler war und sich die Bäume im pfeifenden Wind neigten, denn die Dunkelheit hatte die Welt bereits fest im Griff. Unbewusst zog sie ihre Jacke enger um sich und vergrub die Hände tief in den Taschen.

Die Suche nach Nahrung war von Erfolg gekrönt; es gelang ihr, ein paar Kaninchen zu erlegen und einige Fische aus dem Bach zu fangen.

Isabelle verlor keine Zeit und eilte zu ihrer Hütte zurück. Ihr Blick glitt sofort zu dem Fremden, der noch immer reglos wie eine Statue dort auf dem Boden lag, wo sie ihn zurückgelassen hatte. Nur das Heben und Senken seines Brustkorbs zeugte davon, dass sein Herz noch schlug und Blut durch seine Adern floss. Sie ließ sich neben ihm auf die Knie sinken und legte ihm prüfend eine blasse Handfläche auf die Stirn. Ein Seufzer entwich ihren Lippen, als sie feststellte, dass sich seine Haut etwas kühler anfühlte als vor ihrem Aufbruch.

Nachdem sie seine Stirn weiter gekühlt hatte, zog sie den Kaninchen das Fell ab, kochte Tee aus frischen Minzblättern und Zitronengras und setzte das Fleisch auf, während sie den Fisch für einen anderen Tag aufhob. Es dauerte nicht lange, bis sie sich satt gegessen hatte. Den Rest bewahrte sie für den Fremden auf, falls er bald erwachen sollte, sowie für die kommenden Tage, da sie nun Vorräte für eine ganze Weile hatten.

Inzwischen hatte der Himmel ein zorniges, tiefes Blau angenommen. Kalte Luft rauschte durch die zerbrochenen Fenster und blies die Vorhänge beiseite, als wären sie gar nicht vorhanden. Isabelle fröstelte, als ihr der eisige Wind bis in die Knochen kroch. Sie blickte zu dem Mann auf dem Teppichboden und sah dann hinüber zu dem Bett in der hintersten Ecke des Raumes.

Es war besser, warm zugedeckt zu sein, als ungeschützt auf der weichen Matratze zu liegen, dachte Isabelle.

„Er ist bewusstlos. Er wird es nicht merken“, flüsterte sie leise, bevor sie näher an ihn heranrückte. „Was er nicht weiß, wird ihm nicht schaden.“

Ihre sanfte Stimme verhallte in der kalten Luft, bevor sie unter den Umhang schlüpfte.

Ein prickelnder Schauer durchfuhr sie vom Kopf bis in die Fußspitzen, als sie seine männliche Wärme so nah bei sich spürte. Unter dem schweren Stoff berührten sie sich nicht einmal, und doch fühlte es sich mit einem Mal hundert Grad wärmer an. Mit einem leisen Seufzer bettete sie sich neben ihn, so nah, dass ihre Hand die seine streifte, und glitt in den Schlaf.

Es war die friedvollste Nachtruhe, die sie seit Tagen gefunden hatte – seit sie in die Hütte gezogen war.

Am nächsten Morgen schreckte Isabelle aus dem Schlaf hoch. Im Schlaf hatte sie sich eng an seine Seite geschmiegt, und die fiebrige Hitze, die nun von ihm ausging, brannte förmlich auf ihrer blassen Haut. Mit zitternden Fingern beeilte sie sich, das Feuer im Kamin anzufachen, um den Raum aufzuwärmen, bevor sie seine glühende Haut mit einem sauberen Schwamm kühlte.

Der ganze Tag verstrich, ohne dass er auch nur zuckte, und der nächste ebenso. Allmählich begann Isabelle, die Folgen seines Fiebers zu fürchten. Das letzte Mal, als sie einen Mann derart leblos auf dem Boden hatte liegen sehen, hatte er nicht mehr lange überlebt. Das Fieber hatte ihn übermannt und ihm die Seele geraubt.

Isabelle war niemand, der schnell aufgab, besonders nicht, da sie eine so starke Verbindung zu dem verwundeten Mann spürte. Tief in ihrem Herzen wusste sie, dass er eine Kämpfernatur war. Ein Mann von solcher Stärke und Männlichkeit konnte nicht einfach der Fieberhitze erliegen. Es hätte eher zu ihm gepasst, nach der Eroberung der Welt zu sterben, als einsam im Wald, wo ihm niemand ein angemessenes Begräbnis bereiten konnte.

Am vierten Tag, während Isabelle unter dem Umhang eng an ihn gekuschelt schlief, schlugen seine Augen blinzelnd auf, ohne dass sie es bemerkte. Sie stöhnte leise im Schlaf und rückte unbewusst noch näher an ihn heran. Die Bewegung weckte seine Aufmerksamkeit, doch seine Schwäche und die Trockenheit seiner Kehle hinderten ihn daran, zu sprechen oder sich auch nur im Geringsten zu bewegen. Er öffnete den Mund, doch kein Ton kam heraus. Nach mehreren Versuchen gab er auf und überließ sich, sehr zu seinem Verdruss, erneut dem Schlaf, der ihn unerbittlich in die Tiefe zog.

In den folgenden zwei Tagen dämmerte er zwischen Wachen und Bewusstlosigkeit, während ein Fieber, das fast so heftig brannte wie zuvor, erneut sein Leben bedrohte. Isabelle tat alles, was in ihrer Macht stand. Sie reinigte seine Wunden gründlich, überprüfte die Nähte und wich Tag und Nacht nicht von seiner Seite. Jedes schmerzerfüllte Stöhnen schnitt ihr ins Herz. Die Krämpfe, die seinen Körper schüttelten, die Zuckungen, die seine letzten Kräfte aufzehrten, und der leblose Blick seiner Augen im Delirium aus Fieber und Schmerz – nichts davon entging ihr. Sie erlebte ihn in seiner größten Schwäche.

Die ganze Zeit über hielt sie seine Hand. Die Wärme ihrer sich berührenden Handflächen spendete ihr Hoffnung. Sie machte ihr umso bewusster, dass dieser Mann nur ein Mensch war und hoffentlich bald vom Rande des Todes zurückkehren würde.

Erst als das Fieber wich und sein Körper eine natürlichere Wärme annahm, erhob sie sich von seiner Seite. Sie ließ seine Hand los und ließ zu, dass eine einzelne Träne, die nach Befreiung drängte, über ihre Wange bis zum Kinn hinabglitt. Ohne sie fortzuwischen, betrachtete sie den unruhigen Mann, der sich noch einen Tag zuvor beinahe dem Tod ergeben hätte.

Einmal, als sich seine Augen auf dem Höhepunkt des Fiebers flatternd öffneten, heftete sich sein trüber, verschleierter Blick auf den ihren, und seine Lippen bewegten sich. Sie erhaschte das Wort „Engel“, das er lautlos formte, bevor seine Augen wieder zufielen.

In jener Nacht, als sie seine Nähte überprüfte, um zu sehen, ob man sie bereits ziehen konnte, riss er die Augen auf und sein Blick ruhte wie in Trance auf dem ihren. Als sich sein Blick klärte, reichte Isabelle ihm hastig Wasser aus einem Becher, um seine trockene Kehle zu befeuchten, und bettete seinen Kopf stützend auf ihren Schoß.

Er trank das Wasser mit verzweifelter Gier, als wäre es das letzte, das man ihm jemals reichen würde, und erst als der Becher geleert war, löste er seinen Blick von dem ihren. Sie rückte ein wenig ab, um seinen Kopf wieder auf das behelfsmäßige Kissen zu betten, das ihn auf dem Boden stützte, hielt jedoch inne, als sich seine Hand um ihr Handgelenk schloss.

Sein Griff war fest, als er fragte: „Wer bist du?“

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