
Die verlorene Lykanerprinzessin und ihr verwunschener Alpha
Honeybird · Abgeschlossen · 371.3k Wörter
Einführung
Plötzlich gehört sie zum Königshaus – die verlorene Prinzessin wurde gefunden.
Sebastian verstieß Cindy und warf ihr schicksalhaftes Band achtlos beiseite, um eine andere zu seiner Luna zu wählen. Doch das Schicksal hatte andere Pläne für ihn. Der Mann, der einst alle Macht in Händen hielt, wird in die Knie gezwungen. Während sein Leben und sein Wolf an einem seidenen Faden hängen, nimmt das Schicksal eine grausam ironische Wendung. Ausgerechnet die Frau, die er gebrochen hat, besitzt nun die Macht, ihn zu retten.
Sebastians Stimme zitterte, als er nach ihr griff.
„Bitte … Cindy … Lisa“, flehte er. „Du musst mir helfen. Ich bin dein Gefährte.“
Ihr Blick blieb fest, unnachgiebig.
„Du wirst mich angemessen ansprechen“, erwiderte sie ruhig.
„Für dich bin ich Eure Hoheit. Nur diejenigen, die zu mir standen, als ich ein Niemand war, haben sich das Recht verdient, mich bei meinem Namen zu nennen.“
Wird Cindy dem Mann Gnade gewähren, der ihr jeden Wert absprach?
Kapitel 1
Die Sonne war kaum über die Baumwipfel gestiegen, als Cindy bereits auf dem Küchenboden kniete und die Steinplatten schrubbte, bis ihre Finger brannten. Kiefernduft wehte durch das offene Fenster herein; irgendwo in weiter Ferne hallte das morgendliche Heulen eines Wolfes durch den Nebel. Drinnen roch das Haus der Hales nach Seife, feuchter Wäsche und gebratenem Fleisch, das sie niemals kosten würde.
„Tropf kein Wasser auf den Teppich“, sagte Anna vom Tisch aus und ließ träge einen nackten Fuß baumeln. Sie biss in eine Birnenspalte, ihr goldenes Haar schimmerte im Sonnenlicht. „Mum hasst nasse Fußabdrücke.“
„Ich weiß“, murmelte Cindy und ließ den Lappen weiter kreisen.
„Du ‚weißt‘ immer alles“, spottete Anna. Sie warf das Kerngehäuse der Birne mit einem feuchten Klatschen in die Spüle. „Mach das auch sauber.“
Cindys Hand stockte für einen Herzschlag, doch sie zwang sich, weiterzuschrubben.
„Du solltest dankbar sein“, fügte Anna träge hinzu. „Mum sagt, wenn sie dich nicht gefunden hätte, wärst du von wilden Tieren gefressen worden. Stell dir das mal vor, die winzige kleine Cindy, schreiend in der Dunkelheit. Stattdessen bist du hier und hast ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen.“
Cindy schluckte schwer. Sie hatte sich diese Nacht schon viel zu oft ausgemalt: ein Baby im Wald, weinend, ausgesetzt. Sie hatte sich auch ein anderes Ende vorgestellt, eines, in dem sie mit Liebe statt mit Verachtung aufgenommen wurde. Doch die Version der Hales war diejenige, mit der sie leben musste.
Die Hintertür knarrte, und Mrs. Hale rauschte herein. Ihr Parfüm stach scharf durch den Kiefernduft, ihr dunkles Haar war ordentlich im Nacken festgesteckt. „Anna, Liebling“, sagte sie warmherzig, „machst du dich schon bereit für das Fest?“
„Ja, Mum“, erwiderte Anna zuckersüß und richtete sich auf wie ein Engel.
Mrs. Hales Lächeln verschwand, als ihr Blick auf Cindy fiel. „Immer noch auf dem Boden? Du bist langsamer denn je. Das Fest ist heute Abend, und dieses Haus ist ein einziges Chaos.“
„Ich bin fast fertig“, sagte Cindy hastig.
„Fast zählt nicht. Beeil dich, du musst Luna Lydia noch etwas für das Fest bringen.“
„Ja, Mutter“, flüsterte Cindy und wischte sich mit dem Ärmel ihres Kleides den Schweiß ab, der ihr von der Stirn tropfte.
Cindy war kaum dazu gekommen, einmal tief durchzuatmen, als Mrs. Hale aus der Küche zurückkehrte. Sie seufzte scharf und reichte ihr eine abgedeckte Schüssel. „Bring diesen Auflauf zu Luna Lydia. Und frag sie, ob sie die Zierplatten für den Ehrentisch noch braucht. Versuch, uns im Haus der Luna keine Schande zu bereiten.“
Cindy wischte sich die Hände ab, balancierte die heiße Schüssel auf einem Tablett und schlüpfte ohne ein weiteres Wort zur Tür hinaus.
Draußen war das Dorf erfüllt von geschäftigen Vorbereitungen. Frauen eilten mit Brotkörben vorbei; Männer schleppten Fässer mit Apfelwein in Richtung der Lichtung. Kinder jagten einander, klebrig vom Honig. Cindy hielt den Kopf gesenkt, ihr Zopf schwang gegen ihren Rücken.
Am äußersten Ende der Gasse stand das Haus der Moors – zwei Stockwerke aus geschnitztem Holz, mit Wolfsmotiven, die sich an den Geländern entlangrankten. Verglichen mit dem kleinen Haus der Hales wirkte es wie ein Saal aus einem Märchenbuch. Cindy fasste das Tablett fester, beruhigte ihren Atem und stieg die Stufen hinauf.
Auf der Veranda standen Sebastian und Sara eng umschlungen. Ihr Lachen ging in leises Kichern und gedämpftes Murmeln über. Saras Finger strichen an seinem Kiefer entlang und zogen ihn zu sich herab, bis sich ihre Lippen trafen.
Sebastians Hand glitt in Saras Nacken, als sich ihre Lippen berührten. Der Kuss war anfangs langsam, wurde dann jedoch tief und von drängendem Hunger erfüllt. Ihre Finger krallten sich in sein Hemd, zogen ihn noch näher an sich und vertieften den Kuss. Sie stöhnte, völlig unbeeindruckt von möglichen Zuschauern.
Cindy erstarrte. Ihr Puls beschleunigte sich aus Gründen, die sie nicht benennen konnte. Ihr Atem stockte, als eine Welle von Hitze und Schwindel sie durchfuhr. Ein plötzlicher Schmerz blühte in ihrer Brust auf, scharf und flüchtig. Sie presste eine Hand gegen ihre Rippen, unsicher, warum es wehtat.
Sie senkte den Blick und ging an ihnen vorbei – ihre Wangen brannten vor etwas, dem sie noch keinen Namen geben konnte.
Doch dann hielt Sebastian inne. Seine Hand an Saras Taille zögerte, und er brach den Kuss abrupt ab. Er richtete sich auf, als zöge ihn ein unsichtbarer Faden. Für einen Herzschlag huschte sein Blick zu Cindy. Etwas Unergründliches trat auf sein Gesicht – Verwirrung? Erkennen? –, bevor er es hinter einem trägen Grinsen verbarg.
„Sieh mal an, wer da ist“, sagte er gedehnt, sein Tonfall scharf genug, um die Stille zu zerschneiden. „Der Küchengeist. Bringt man dir in der Hale-Hütte nicht bei, Höhergestellte zu grüßen?“
Sara blinzelte, völlig überrumpelt, folgte dann seinem Blick und lachte, um die peinliche Stille mit einem hellen Kichern zu überspielen. „Sebastian…“
Cindys Wangen brannten. Sie umklammerte das Tablett fester und zwang ihre Stimme zur Ruhe. „Hallo, Sebastian. Hallo, Sara.“
Er antwortete nicht sofort. Er starrte sie nur an. Ein Flackern von irgendetwas lag noch in seinen Augen, bevor das Grinsen zurückkehrte. „Sie spricht.“
Cindy wandte sich hastig ab – die Luft zwischen ihnen war seltsam schwer – und ging ins Haus. Selbst von drinnen konnte sie Sara noch hören, ihr Kichern hoch und hell.
Drinnen summte die Luft vor Wärme und Lärm. Bedienstete eilten mit Platten umher und richteten das Essen auf den Anrichten an. In der Mitte stand Luna Lydia, ihre Schürze mit Mehl bestäubt, das silbern durchzogene Haar ordentlich hochgesteckt.
Sie drehte sich um, als Cindy eintrat. „Cindy, nicht wahr? Danke, dass du das gebracht hast.“ Ihre Stimme klang warm, als sie Cindy die Schüssel abnahm. „Du hast mir einen Weg erspart.“
Cindys Kehle schnürte sich zu. „Gern geschehen, Luna.“
Lydia griff nach einem Keks von einem Teller, wickelte ihn in ein Papiertuch und reichte ihn ihr. „Nimm einen. Du siehst aus, als wärst du schon seit dem Morgengrauen auf den Beinen.“
Cindy zögerte, denn selten wurde ihr etwas angeboten, bevor alle anderen bedient waren. Doch sie nahm ihn an. „Danke“, flüsterte sie. Der Keks zerschmolz buttrig und süß auf ihrer Zunge, ungewohnt und tröstlich zugleich.
„Bring diese hier zurück zu deiner Mutter“, sagte Lydia und drückte ihr zwei auf Hochglanz polierte Platten in die Hände. „Wir werden sie heute Abend brauchen.“
„Ja, Luna“, sagte Cindy leise und balancierte die Platten aus.
„Genieße das Fest, Kind“, fügte Lydia hinzu und wandte sich bereits wieder ihrer Arbeit zu.
Cindy schlüpfte eilig hinaus, bevor jemand anderes sie bemerken konnte.
Sebastian und Sara waren noch immer auf der Veranda. Diesmal sagte er nichts. Er lehnte sich nur zurück, während seine dunklen Augen ihr bei jedem Schritt die Treppe hinab folgten. Sara klammerte sich fester an seinen Arm, ein süffisantes Lächeln kräuselte ihre Lippen.
Cindy ging mit erhobenem Kinn davon, obwohl ihre Brust brannte.
Der Keks in ihrer Hand war noch warm. Sie knabberte langsam daran, während sie ging, und ließ die Süße den Schmerz in ihrer Brust lindern. Lydia Moore war gütig. Ganz anders als ihr Sohn. Völlig anders.
Der Weg nach Hause schlängelte sich durch die Bäume, das letzte Licht färbte den Himmel bernsteinfarben. Cindys Gedanken schweiften ab.
Sebastian Moore. Allein sein Name ließ ihren Puls stolpern. Jedes Mädchen im Rudel träumte von ihm, von seiner Stärke, seinen dunklen Augen, der Gewissheit, dass er sie eines Tages als Alpha anführen würde. Einige Mädchen planten ihre gesamte Zukunft um ihn herum und beteten zur Göttin, dass sie an seine Seite gebunden würden. Cindy erlaubte sich nie, so zu träumen. Sie war eine Dienerin. Für alle war sie nur die wölflose Cindy. Aus dem Wald aufgelesen wie unerwünschter Abfall.
Und dennoch regte sich jedes Mal etwas in ihrer Brust, wenn sie ihn sah. Etwas, das sie nicht erklären konnte und nicht zu benennen wagte. Sie redete sich ein, dass es töricht war. Er würde sie niemals bemerken, nicht wirklich. Nicht als etwas anderes als einen Schatten an der kurzen Leine der Hale-Familie.
Eine Brise raschelte durch die Bäume. Sie hielt inne, die Härchen auf ihren Armen stellten sich auf. Für eine Sekunde glaubte sie, es wieder zu hören, ein tiefes, raues Geräusch, das vom Wind getragen wurde. Ein Knurren.
Doch der Wald blieb still.
Cindy umklammerte die Platten fester und ging schneller, ihr Herz pochte dumpf.
Nur dass das Knurren dieses Mal nicht aus dem Wald gekommen war.
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Ich weiß nicht einmal, was ich bin. Kein Wandel, keine Zaubertricks, nichts. Nur ein Mädchen, umgeben von Menschen, die fliegen können, Feuer heraufbeschwören oder mit einer Berührung heilen. Also sitze ich in den Unterrichtsstunden und tue so, als würde ich dazugehören, und ich lausche aufmerksam auf jedes noch so kleine Anzeichen, das mir verraten könnte, was in meinem Blut verborgen liegt.
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