Kapitel 2 KAPITEL 2

Die Hintertür knarrte, als Cindy mit der leeren Auflaufform aus der Küche von Luna Lydia hereinschlüpfte. Behutsam stellte sie die Form auf die Arbeitsfläche. Ihre Handflächen kribbelten noch von der Wärme an der Feuerstelle des Alphas und von der noch viel wärmeren Herzlichkeit, die man ihr dort entgegengebracht hatte.

„Du hast dir ganz schön Zeit gelassen“, fuhr Mrs. Hale sie an, ohne von dem Spiegel aufzusehen, vor dem sie ihr Haar hochsteckte. „Glaubst du, die Familie von Sebastian Moore hat Zeit, auf eine Küchenmagd zu warten?“

„Es tut mir leid, Mutter“, murmelte Cindy.

Mrs. Hales Blick ruhte weiterhin auf ihrem Spiegelbild, doch ihre Worte hatten ein ganz anderes Gewicht getragen. Schon immer hatte sie sich an der Familie des Alphas gemessen und von deren Prestige gezehrt wie ein Schatten am Rande ihres Lichts.

Es hieß, als junges Mädchen habe sie oft damit geprahlt, dass Richard Moore ihr vorherbestimmter Gefährte sei – damals, als er noch der Erbe des Rudels war. Die Enttäuschung hatte tiefe Wunden hinterlassen, als die Mondgöttin ihn stattdessen an Lydia band, und obwohl sie ihre Verbitterung tief in sich vergraben hatte, war diese nie ganz erloschen.

Mit der Zeit verdrehte sich ihr Neid zu der sonderbaren Überzeugung, dass ihr das, was die Göttin ihr verwehrt hatte, durch Anna zurückgegeben werden würde. Würde ihre Tochter zu Sebastians Luna erwählt, wären all die alten Wunden von Mrs. Hale endlich geheilt.

Es war eine Fantasie, die ihr Ehemann verabscheute; er hatte ihr mehr als einmal gesagt, es wirke, als hätte sie nie aufgehört, um die Zuneigung des Alphas zu buhlen. Ihre Streitereien darüber hallten oft noch in den Wänden des kleinen Hauses nach, doch Mrs. Hale hielt an ihrer Besessenheit fest wie an einer heimlichen Flamme.

In diesem Moment wirbelte Anna in einem blassblauen Kleid vorbei, wobei ihre dunklen Locken wippten. Sie sah strahlend aus und glühte förmlich vor Vorfreude auf den Abend. Mrs. Hales Lächeln wurde weicher, als sie ihre leibliche Tochter ansah.

„Du siehst wunderschön aus, mein Schatz. Sebastian könnte sich glücklich schätzen, dich als Gefährtin zu haben.“

Anna drehte sich schwungvoll im Kreis, sodass der Stoff um ihre Kurven flog, und machte dann eine dramatische Pause.

„Aber Mama, was passiert, wenn die Göttin mich wirklich zur Luna macht? Wird Sebastian Sara für mich verlassen?“

„Natürlich, kein Mann kann meiner wunderschönen Tochter widerstehen“, sagte Mrs. Hale, noch immer mit diesem sanften Lächeln. „Jetzt lauf schon und mach dich fertig. Heute Abend könnte ein großer Moment für unsere Familie werden.“

Ihre Züge verhärteten sich jedoch augenblicklich, als ihr Blick wieder zu Cindy glitt.

„Bleib im Hintergrund“, warnte sie. „Blamiere uns nicht.“

Cindy senkte den Kopf und schluckte den Stich der Verletzung hinunter, wie sie es immer tat. Hastig wusch sie sich und strich ihr schlichtes Kleid glatt – das einzige, das sie besaß, welches für das Fest angemessen war. Etwas an der Stimmung in der Luft ließ ihren Puls schneller schlagen: die fernen Trommeln, die Fackeln draußen, der Mond, der wie ein riesiges silbernes Auge am Himmel aufging.

Als sie Anna und Mrs. Hale schließlich auf den Feldweg folgte, strömte bereits das gesamte Dorf in Richtung des Festplatzes. Fackeln säumten den Weg, fröhliches Lachen und aufgeregtes Stimmengewirr erfüllten die Nacht. Cindy trug die Opfergabe der Familie und drückte den Korb fest an sich, als gäbe er ihr Halt.

Der Festplatz breitete sich weit vor ihr aus, erstrahlte in hellem Licht und pulsierte vor Leben. Vom Waldrand her heulten Wölfe, das große Freudenfeuer prasselte lautstark, und die langen Tische bogen sich unter der Last der Speisen. Das Rudel drängte sich dicht um die Flammen – erwartungsvoll und rastlos.

Hoch oben auf dem Podest saß Alpha Richard Moore mit Luna Lydia an seiner Seite, und direkt daneben lehnte sich Beta Cedric Hale nach vorn. Cindy erhaschte nur einen flüchtigen Blick auf sie, bevor sie in der Menge untertauchte, doch die Stimmen der beiden Männer trugen weit über den Platz – warm im Klang, aber von unüberhörbarem Stolz geprägt.

„Gefühlt erst gestern war er noch ein Junge, der in diesen Wäldern Schatten jagte“, sagte Cedric, während sein Blick auf Sebastian ruhte. „Und nun sieh ihn dir an. Stark genug, um das Rudel zu übernehmen, und bereit zu lernen, wie man es anführt.“

Richard nickte, seine Augen leuchteten vor Stolz. „Er hat sich prächtig entwickelt. Vielleicht wird die Göttin heute Nacht offenbaren, wer an seiner Seite stehen wird. Das Rudel muss seine künftige Luna sehen.“

Ihre Worte entlockten den umstehenden Wölfen ein zustimmendes Murmeln. Für das Rudel verkörperte Sebastian das Versprechen von Stärke und Fortbestand. Für Cindy war er eine ständige Erinnerung an all das, was sie niemals haben durfte. Sie schlich davon an den Rand der Tische, platzierte ihre Brote behutsam zwischen den anderen Gaben und bemühte sich nach Kräften, unsichtbar zu bleiben.

Und doch, als sie einen Blick über die Flammen wagte, war Sebastian bereits dort – groß, breitschultrig, ein unbeschwertes Lachen auf den Lippen. Sara hing an seinem Arm, triumphierend in karmesinrote Seide gehüllt.

Cindy wandte sich schnell ab, aber ihr Herz verriet sie und flatterte wild in ihrer Brust. Sie war unsichtbar, dazu verdammt, nur zu dienen. Es stand ihr nicht einmal zu, davon zu träumen.

Die Trommeln schlugen lauter und begleiteten den Aufgang des Mondes. Das Heulen des Rudels vermischte sich mit dem Knistern des Lagerfeuers, doch inmitten all dessen erstarrte Sebastian plötzlich.

Seine Nasenflügel bebten. Er hob leicht den Kopf, seine bernsteinfarbenen Augen verengten sich, als hätte er die Spur von etwas gewittert, das den anderen verborgen blieb. Ein Murmeln ging durch jene, die ihm am nächsten standen. Luna Lydia stützte sich sprachlos am Arm ihres Mannes ab.

Er atmete erneut ein, diesmal tiefer. Der Duft war unverkennbar. Warm, berauschend, durchzogen von etwas Wildem und Süßem, Zimt und Kiefernrauch, über dem Feuer erwärmter Honig. Er hüllte ihn ein, ließ ihn unwillkürlich die Muskeln anspannen und weckte etwas tief in seiner Brust, dem weder Training noch Willenskraft etwas anhaben konnten.

Er drängte vorwärts und ignorierte die Stimmen, die seinen Namen riefen. Der Kreis der jungen Wölfinnen kam in erwartungsvolle Bewegung; jede von ihnen straffte die Schultern, ihre Herzen rasten, als er näher trat.

Doch Sebastian würdigte sie kaum eines Blickes. Seine Schritte waren sicher, getrieben, als würde die Göttin selbst ihn an einem unsichtbaren Band ziehen. Er ging an ihnen allen vorbei, sein Gesichtsausdruck wurde mit jedem Atemzug schärfer.

Die Menge verstummte; nur die Fackeln knisterten in der plötzlichen Stille. Selbst die Trommeln stockten.

Cindys Herz hämmerte schmerzhaft in ihrer Brust. Sie drückte sich in die Schatten am Rand der Lichtung zurück, verzweifelt bemüht, sich noch kleiner, noch unsichtbarer zu machen. Sie war nicht hierfür bestimmt. Sie war für gar nichts bestimmt.

Und dann blieb er stehen.

Genau vor ihr.

Für einen unmöglichen, atemlosen Moment trafen sich ihre Blicke. Geschmolzener Bernstein traf auf die dunklen Tiefen ihrer Angst. Hitze schoss durch ihre Adern, und ihre Knie gaben unter der Wucht dieses Blicks beinahe nach.

„Du“, knurrte Sebastian. Das Wort schien ihm förmlich entrissen zu werden, halb Raubtierlaut, halb Offenbarung. Seine Oberlippe kräuselte sich, als wäre ihm die Wahrheit selbst zuwider. „Die Göttin … hat dich erwählt?“

Ein Keuchen ging wie ein Sturmwind durch die Menge. Saras Hand flog zu ihrem Mund, ihr Gesicht wurde kreideweiß. Die Wölfe tauschten fassungslose Blicke, und ein scharfes, ungläubiges Flüstern erhob sich.

Cindy stand wie angewurzelt da, während Scham und nackte Panik über sie hereinbrachen. Von all den Mädchen, von all den würdigen Wölfinnen, die die Göttin an Sebastian hätte binden können – warum sie? Warum ausgerechnet die unsichtbare Dienerin, die niemand haben wollte?

Sebastians Stimme erklang erneut, hart und ungläubig. Der angewiderte Unterton zerschnitt die Nacht wie eine Klinge.

„Sie ist meine Gefährtin.“

Die Welt geriet ins Wanken. Das Lagerfeuer loderte tosend auf. Und für Cindy gab es plötzlich keine Luft mehr zum Atmen.

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