Kapitel 4 KAPITEL 4
Cindys Wange brannte noch immer von der ersten Ohrfeige, als Mrs. Hales Stimme erneut erklang, scharf und zitternd vor Wut.
„Was sollte das da draußen?!“ spuckte sie aus. „Einfach wegzurennen, ohne Sebastians Zurückweisung überhaupt anzunehmen. Willst du diese Demütigung ewig in die Länge ziehen? Glaubst du, wenn du das Band am Leben erhältst, macht dich das irgendwie zur Luna?“
Cindys Lippen öffneten sich, doch es kamen keine Worte. Ihre Brust brannte noch immer von dem zerreißenden Schmerz der Zurückweisung, und ihre Rippen schmerzten, als würden unsichtbare Klauen sie von innen zerfleischen.
Mrs. Hales Augen funkelten vor Ekel. „Sieh dich an. Du bist ein Nichts. Wenn wir dich nicht aus dem Wald gezerrt hätten, wärst du längst nur noch Knochen, vergessen unter dem Laub. Und jetzt wagst du es, dich vor das gesamte Rudel zu stellen und so zu tun, als hätte die Göttin dich erwählt? Du wirst ja sogar von deiner eigenen Familie verstoßen!“
Anna verschränkte in ihrer Ecke die Arme; ihre Stimme klang spitz vor Schadenfreude. „Sie hat die Aufmerksamkeit genossen, Mutter. Deshalb ist sie weggelaufen, anstatt es zu beenden. Sie wollte, dass alle sie wenigstens ein einziges Mal beachten.“
Cindys Hände ballten sich zu Fäusten. Ihr Körper bebte, aber nicht nur vor Angst. Etwas in ihrem Inneren zog sich zusammen – fest und wild – und begann sich zu entrollen.
Mrs. Hale stieß einen Finger gegen Cindys Brust. „Du marschierst jetzt sofort zurück auf den Versammlungsplatz und nimmst Sebastians Zurückweisung an. Brich das Band und gib ihn frei. Hörst du mich?“
Da riss in Cindy etwas.
Ihre Stimme, als sie endlich sprach, zitterte zuerst, wurde dann aber fest. „Warum bist du wirklich wütend, Mutter? Weil ich es war … oder weil es nicht Anna war, deine leibliche Tochter?“
Der Raum schien zu erstarren.
Mrs. Hales Augen weiteten sich, als hätten die Wände selbst ihr widersprochen.
Cindy schluckte, und ihr Mut stieg auf wie eine Flut. „Du wolltest, dass die Göttin Anna erwählt. Du hast sie bei jeder Versammlung in die erste Reihe gedrängt und sie wie eine Puppe herausgeputzt, damit Sebastian sie bemerkt. Aber sie wurde nicht erwählt. Ich wurde es. Und du kannst es nicht ertragen. Ist es nicht so? Bist du wütend, weil dein Traum, eine Luna in dieser Familie zu haben, in dem Moment gestorben ist, als die Göttin stattdessen mich ansah, dein Dienstmädchen von einer Tochter?“
Anna knurrte, und die Farbe schoss ihr in die Wangen. „Wie kannst du es wagen …“
Aber Cindy war noch nicht fertig. Die Worte sprudelten nur so hervor, als würde ein jahrelanges Schweigen mit einem Schlag in sich zusammenbrechen. „Jeder weiß, dass du selbst einmal Luna werden wolltest. Du wolltest Alpha Richard, und als daraus nichts wurde, hast du diesen Traum auf Anna projiziert. Und jetzt ist es vorbei. Vielleicht hat die Göttin keinen Fehler gemacht. Vielleicht hat sie einfach endlich über dich hinweggesehen.“
Das Schweigen, das darauf folgte, war schwer und gefährlich.
Mrs. Hales Gesicht wurde weiß, dann rot vor Wut. Sie stürzte nach vorn und schlug Cindy erneut; die Ohrfeige hallte durch das kleine Haus. „Du undankbare Göre!“ knurrte sie, ihre Stimme leise und zitternd vor Zorn. Eine weitere Ohrfeige folgte, noch härter, bis Cindy rückwärts gegen den Tisch taumelte.
Atemlos wies Mrs. Hale zur Tür. „Du glaubst, du bist alt genug, um Widerworte zu geben? Dann bist du auch alt genug, um für dich selbst zu sorgen. Verschwinde aus meinem Haus.“
Endlich ergriff Cedric das Wort, seine Stimme war leise und angespannt. „Hilda …“
„Komm mir nicht mit ‚Hilda‘!“ knurrte sie. „Wenn sie die Zurückweisung nicht akzeptiert und dieser Schmach kein Ende bereitet, dann ist sie nicht länger meine Tochter. Soll sie doch mit der Schande leben, die sie über uns gebracht hat!“
Cindys Brust hob und senkte sich schwer. Tränen verschleierten ihre Sicht, doch sie zwang die Worte an dem Kloß in ihrem Hals vorbei. „Ich war nie deine Tochter, Mutter. Du hast mich nie wie eine behandelt. Deine Drohung kann mir also gar nichts anhaben.“
Damit war es besiegelt.
Mrs. Hales Lippen kräuselten sich vor Abscheu. „Dann geh. Verschwinde. Und komm nicht wieder.“
Annas Stimme folgte wie ein Messerstich. „Auf Nimmerwiedersehen.“
Cindys Knie gaben fast nach, aber sie weigerte sich, vor ihren Augen zusammenzubrechen. Sie taumelte zur Tür, während der Schmerz der Zurückweisung und die Worte ihrer Mutter gleichermaßen in ihr brannten. Dann war sie draußen, und die kalte Nachtluft traf ihr Gesicht wie ein weiterer Schlag.
Sie rannte.
Ihre Füße hämmerten auf die festgetretene Erde des Weges, dann auf den Waldboden, bis die Hütten und Fackeln weit hinter ihr zurückblieben. Äste kratzten an ihren Armen, heiße Tränen strömten über ihre Wangen, und sie rannte immer weiter. Der Schmerz in ihrer Brust wurde mit jedem Atemzug schwerer und bohrte sich tiefer hinein, bis sie dachte, sie müsse zusammenbrechen.
„Warum ich? Warum jetzt? Warum sollte die Göttin mich erwählen, nur damit ich weggeworfen werde?“
Die Trommeln des Festes waren verklungen. Nur der Wind folgte ihr noch und rauschte durch die Kiefern. Sie blieb erst stehen, als sich die Bäume an der zerklüfteten Kante einer Klippe lichteten, unter der das Tal gähnte, schwarz und endlos.
Sie taumelte an den Abgrund, die Brust wogend, während sich ihre Tränen mit der kalten Nachtluft mischten. Ihr ganzer Körper zitterte, als sie ihre Verzweiflung in den Himmel schrie. „Ich habe nicht darum gebeten! Ich wollte das nie!“ Ihre Stimme brach, rau und wund. „Warum hast du mich erwählt? Ich will keine Luna sein. Ich will das alles nicht!“
Der Schmerz in ihr baute sich immer weiter auf, bis er kaum noch zu bändigen war. Sie umklammerte ihre Brust und sank auf die Knie. Und dann …
Etwas tief in ihrem Inneren brüllte auf.
Es war kein Laut, den sie mit ihrem Mund formte. Es war in ihr, mächtig und rasend, und wallte wie Feuer durch ihre Adern.
„Du hättest es ihnen sagen sollen“, donnerte eine Stimme in ihrem Kopf. „Du hättest mich schon längst herauslassen sollen. Du hast versucht, uns unsichtbar zu machen, nur weil ich anders bin als die anderen Wölfe, aber sieh dir an, wo uns das hingebracht hat. Gedemütigt. Geschlagen. Verstoßen.“
Cindy keuchte auf, die Augen weit aufgerissen. Sie hielt sich den Kopf und zitterte, während die Präsenz in ihr stärker drängte, unmöglich zu ignorieren.
„Ich bin Lisa“, knurrte die Stimme, wild und unerbittlich. „Und ich bin kein gewöhnlicher Wolf. Ich bin ein Lykaner – mächtiger als ihr Alpha, und ich gehöre dir. Ich widersetze mich deinem Befehl, im Verborgenen zu bleiben. Ich werde nicht zulassen, dass sie dir noch mehr wehtun.“
Cindys ganzer Körper krampfte sich zusammen. Schmerz und Macht durchzuckten sie mit einem Mal, ihre Haut brannte, ihre Knochen dehnten sich und formten sich neu. Sie taumelte vom Rand der Klippe zurück, ihr Schrei wurde von der Nacht verschluckt, bis er gar kein Schrei mehr war, sondern ein Heulen.
Der Wald erbebte von diesem Laut.
Und da war sie – Lisa, die Lykanerin.
Zum ersten Mal in ihrem Leben nahm Cindy, das unsichtbare Mädchen, die Macht an, die sie die ganze Zeit über verborgen hatte. Sie fühlte sich nicht länger klein – sie fühlte sich grenzenlos, furchteinflößend und mächtig.
