Kapitel 6
Perspektive von Maya:
Der Sonntag mit Amy verging wie in Zeitlupe.
Wir verbrachten den ganzen Tag im Park. Amy saß auf einer Bank in der Nähe des Teichs und beobachtete die Vorbeigehenden, als wäre sie eine winzige Anthropologin, die menschliches Verhalten studiert.
„Sieh mal, Mami.“ Sie zupfte an meinem Ärmel. „Der Mann da hat drei Hunde.“
Ich sah hinüber. Tatsächlich, ein Typ mit einer Red-Sox-Kappe wurde von drei Leinen hinterhergeschleift. „Stimmt.“
„Warum braucht jemand drei Hunde?“
„Vielleicht mag er Hunde einfach sehr gerne.“
Amy dachte darüber nach. „Das ist aber eine Menge Kacke, die man aufheben muss.“
Ich verschluckte mich fast an einem Lachen. „Ja. Allerdings.“
Sie wandte sich wieder ihren Beobachtungen zu. Ein älteres Paar schlurfte vorbei. Ein Jogger mit Kopfhörern. Eine Frau, die einen Kinderwagen schob.
Ich sah auf mein Handy. Wir waren schon seit drei Stunden hier.
Amy hüpfte von der Bank, schlenderte ans Ufer und setzte sich im Schneidersitz ins Gras. Sie … starrte einfach nur auf die kleinen Wellen. Zwanzig Minuten lang.
Ich versuchte, nicht auf der Bank einzuschlafen.
Irgendwann verwickelte sie einen alten Mann, der Enten fütterte, in ein Gespräch. Ich konnte nicht hören, was sie sagten, aber Amy nickte ernsthaft, stellte Fragen und gestikulierte beim Sprechen mit ihren kleinen Händen.
Der alte Mann wirkte hoch erfreut.
Als die Sonne allmählich unterging, verkündete Amy schließlich, dass sie bereit sei, nach Hause zu gehen.
„Hattest du Spaß, mein Schatz?“
„Ja!“ Ihr Gesicht leuchtete auf. „Das war der beste Tag überhaupt.“
Auf dem Heimweg holten wir uns Burger. Amy aß ihre Pommes einzeln und summte dabei vor sich hin.
Zurück in der Wohnung war ich stehend k.o.
„Also gut, mein Schatz. Ab in die Wanne und dann ins Bett.“
Dreißig Minuten später war sie zugedeckt, ihre Locken feucht auf dem Kissen.
„Nacht, Mami.“
„Gute Nacht, mein Schatz.“ Ich küsste sie auf die Stirn. „Schlaf schön.“
Montagmorgen, halb sieben.
Ich joggte eine schnelle Runde um den Block, kam zurück und duschte.
Als ich anfing, das Frühstück zu machen, war Amy bereits wach.
„Mami, guten Morgen!“
Ich drehte mich um. Amy stand in der Tür, bereits in ihrem Kita-Outfit – ein gelbes T-Shirt und Jeansshorts. Ihr Haar war völlig zerzaust, aber sie hatte versucht, es sich selbst zu bürsten.
„Morgen, mein Schatz.“ Ich lächelte. „Hast du dir das selbst ausgesucht?“
Sie nickte stolz. „Sehe ich hübsch aus?“
„Du siehst wunderschön aus.“
Sie strahlte und hüpfte ins Badezimmer, um sich die Zähne zu putzen.
Als sie zurückkam, war das Frühstück fertig. Sie kletterte auf ihren Stuhl und machte sich darüber her, während ihre Beine unter dem Tisch baumelten.
„Das ist so lecker, Mami.“
„Danke, mein Schatz.“
„Du bist die beste Köchin auf der ganzen Welt.“
Ich lachte. „Da bin ich mir nicht so sicher.“
„Doch, wirklich!“ Sie nahm noch einen Bissen Ei. „Besser als Tante Chloe.“
„Lass sie das bloß nicht hören.“
Amy kicherte.
Um Viertel vor acht lieferte ich Amy in der Sunny Days Community Daycare ab und machte mich dann auf den Weg zur U-Bahn-Station.
Berufsverkehr. Die Red Line war brechend voll. Ich quetschte mich zwischen einen Typen, der einen Frühstücks-Burrito aß, und eine Frau mit einem Rucksack von der Größe eines Kleinwagens. Der Geruch nach Bohnenmus und Schweiß war überwältigend.
Ich umklammerte die Haltestange, schloss die Augen und versuchte, nicht durch die Nase zu atmen.
Meine Absätze brachten mich jetzt schon um, und ich musste noch in den Bus umsteigen.
Ich brauche ein Auto.
Aber ein Auto bedeutete Geld. Und davon hatte ich nicht viel.
Zwischen Miete, Kita, Lebensmitteln und dem gelegentlichen Notfall – wie zum Beispiel, dass Amy neue Schuhe brauchte, weil sie schon wieder aus ihren herausgewachsen war – blieb mir am Ende jedes Monats kaum noch etwas übrig.
Als ich endlich im Büro von Garrison Industries ankam, streifte ich unter meinem Schreibtisch die High Heels ab, rieb mir die Knöchel und seufzte erleichtert.
Ich machte mich an die Arbeit.
Ehrlich gesagt war die Arbeit für Julian in Boston um einiges leichter als damals in Cleveland.
Kein Drama. Keine Anrufe von traurigen Frauen. Kein Chaos, das ich ausbügeln musste.
Julian hatte sich tatsächlich … professionell verhalten.
Damals in Cleveland war Julian ein Albtraum gewesen.
Julians Ruf eilte ihm voraus. Er war ein Player. Ein reiches, charmantes Arschloch, das seinen Schwanz nicht in der Hose behalten konnte.
Die Frauen warfen sich ihm an den Hals. Und er fing sie auf. Jedes einzelne Mal.
Dann wurden sie eifersüchtig. Oder besitzergreifend. Oder sie begriffen, dass er sich niemals binden würde.
Und dann tauchten sie im Büro auf. Schreiend. Weinend. Verlangten, ihn zu sehen.
Und Julian? Der versteckte sich in seinem Büro und schickte seine Sekretärin vor, um die Sache zu regeln.
So hatte er seine ersten drei Assistentinnen verloren.
Ich war verzweifelt gewesen, als ich mich bewarb.
Zwei Jahre ohne Job. Zwei Jahre, in denen ich Lebensläufe verschickt und keine einzige Antwort bekommen hatte.
Niemand wollte eine Frau mit einer zweijährigen Lücke im Lebenslauf einstellen. Niemand wollte hören, dass ich ein Baby großgezogen hatte. Dass ich keine andere Wahl gehabt hatte.
Also hörte ich auf, mich zu rechtfertigen. Hörte auf, mich auf Stellen in meinem Fachgebiet zu bewerben.
Ich bewarb mich auf alles.
So landete ich bei Garrison Industries.
Ihre Personalabteilung war genauso verzweifelt wie ich. Julian hatte wieder einmal eine Sekretärin verschlissen, und sie brauchten schnell Ersatz.
Die ersten paar Monate waren die Hölle.
Julian stellte mich ständig auf die Probe. Tauchte zu spät zu Meetings auf. Vergaß wichtige Anrufe. Überließ es mir, wütende Investoren abzuwimmeln, während er sich charmant durch Geschäftsessen plauderte.
Und die Frauen.
Gott, die Frauen.
Es gab immer irgendwen. Ein Date vom Vorabend. Einen One-Night-Stand, der dachte, er wäre etwas Besonderes. Eine langjährige Affäre, die endgültig die Nase voll hatte.
Sie riefen an. Sie schrieben Nachrichten. Sie tauchten auf.
Julian warf mir dann nur einen Blick zu und sagte: „Regeln Sie das.“
Und das tat ich. Weil ich mein Gehalt brauchte.
Aber dann überschritt er eine Grenze.
Spät in der Nacht, es war schon nach Mitternacht, stellten wir eine Präsentation fertig. Julian hatte getrunken – Whiskey, drei oder vier Gläser.
Er versuchte, mich zu küssen.
Ich stieß ihn heftig von mir. Er stolperte, sein Blick war verschwommen. „Komm schon …“
Ich dachte nicht nach. Ich schnappte mir meine Tasche und holte aus.
Sie traf ihn voll am Kiefer. Er jaulte auf. Ich schlug noch einmal zu.
„Fass. Mich. Nicht. An.“
Er ließ sich in seinen Stuhl fallen und hielt sich das Gesicht. „Jesus!“
Ich stand da, atmete schwer, die Tasche immer noch erhoben.
Er blinzelte zu mir hoch, schlagartig nüchtern. „Scheiße. Tut mir leid …“
Er ging. Ich dachte, ich wäre gefeuert.
Am nächsten Tag kam er an meinen Schreibtisch.
„Es tut mir leid. Ich war betrunken. Es wird nicht wieder vorkommen.“
Ich starrte ihn an, dann nickte ich. „Okay.“
Von diesem Tag an versuchte er nie wieder etwas.
Klack. Klack. Klack.
Das Geräusch von High Heels hallte über den Flur.
Ich sah von meinem Computer auf.
Eine Frau stürmte durch die Tür. Zwanzig-Zentimeter-Stilettos. Ein hautenges Kleid mit Leopardenmuster. Große, wippende braune Locken.
Sie hatte die Art von Körper, nach dem man sich umdrehte – Kurven an genau den richtigen Stellen, verpackt in Stoff, der der Fantasie nur sehr wenig Spielraum ließ.
Ich seufzte.
Herrgott noch mal.
Zweifellos noch so ein Fehler von Julian.
Manche Hunde lernen es wohl nie.
Mein friedlicher Morgen war offiziell vorbei.
„Wo zur Hölle ist Julian?“, schrie sie mit einer Stimme, die scharf genug war, um Glas zu schneiden. „Ich will ihn sehen. Sofort!“
