Kapitel 2 Die erste Liebe kehrt zurück

Als Jenna erwachte, fand sie sich in einem VIP-Krankenzimmer wieder.

Sie drehte den Kopf. Die Tür stand einen Spalt offen, Stimmen trieben vom Flur herein.

„Was für ein Stimmungskiller. Sie konnte nicht zu irgendeiner anderen Zeit umkippen – nein, ausgerechnet dann, als wir gerade Spaß hatten. Meinst du, sie hat das absichtlich gemacht?“

Jenna erkannte die Stimme. Lucas Mitchell, einer von Edwards ältesten Freunden.

Edward hatte Lucas ein paarmal mit ins Haus gebracht. Jedes Mal, wenn er Jenna angesehen hatte, lag in seinem Blick nichts als blanke Verachtung.

„Edward, ganz ehrlich, ich weiß nicht, wie du das aushältst. Mit so was verheiratet zu sein? Sie reicht nicht mal an Jenny heran.“

Jenna hatte nie verstanden, warum Lucas sie so sehr hasste. Sie hatten nicht ein einziges Mal einen Streit gehabt.

Jetzt verstand sie es. In aller Augen war keine Frau würdig, an Edwards Seite zu stehen, außer Jennifer.

Dann kam Edwards Stimme, kühl und distanziert wie immer. „Die Entscheidung meiner Mutter.“

Fünf einfache Worte, und Jenna spürte, wie ihr das Herz in einen Abgrund stürzte.

Natürlich liebte er sie nicht.

Er hatte sie geheiratet, um seine Mutter zufriedenzustellen. Mehr war es nicht gewesen.

Lucas schnaubte. „Ehrlich, ich werde nie verstehen, was deine Mutter sich dabei gedacht hat. Sie hatte Jenny direkt vor der Nase – eine Frau, die tatsächlich etwas wert ist – und stattdessen hat sie dich gezwungen, irgendein Model zu heiraten. Dieses Mädchen läuft für Geld auf und ab. Sie ist die Mühe nicht wert, die du dir gibst.“

Jennas Finger krümmten sich zu Fäusten, die Nägel bohrten sich in ihre Handflächen.

Modeln war seit ihrer Kindheit ihr Traum gewesen. Sie hatte alles dafür geopfert.

Aber für sie war sie nur eine Geltungssüchtige – nichts als ein hübsches Gesicht, sonst nichts von Wert.

Draußen sagte Edward nichts.

Lucas redete weiter, und in seinem Ton lag triefende Schadenfreude. „Aber wenigstens ist Jenny jetzt wieder da. Du musst nicht länger leiden. Und sieh mal – ihr zwei habt noch nicht mal Kinder. Warum lässt du dich nicht einfach endlich scheiden? Bevor Jenny dir noch mal durch die Lappen geht …“

Jennas Hand wanderte instinktiv zu ihrem Unterleib, Bitterkeit schwappte durch sie hindurch.

Also deshalb hatte Edward sie nie berührt. Er hatte panische Angst gehabt, sie könnte schwanger werden und ihn für immer an sich ketten.

Die ganze Zeit hatte sie sich etwas vorgemacht.

Plötzlich schnitt eine helle, heitere Stimme durch das Gespräch. „Lucas! Verbreitest du hier draußen schon wieder Unsinn?“

„Jenny!“ Lucas’ Großspurigkeit verdampfte auf der Stelle.

Jenny?

Jenna zog sich das Herz zusammen. Sie stemmte sich mühsam hoch und spähte durch den Spalt der Tür.

Jennifer Garcia stand auf dem Flur, groß und auffallend, das Haar zu einem glatten Bob geschnitten. Sie trug ein teures Chanel-Kostüm, das nach müheloser Eleganz schrie.

Ihre Schönheit lebte – selbstsicher, kühn, strahlend.

Jenna sah an sich hinab. Einmal war sie ein Model gewesen, doch Jahre als Hausfrau hatten ihre Figur weicher werden lassen. Unter dem grellen Krankenhauslicht wirkte ihr Teint fahl und matt.

Neben Jennifer war sie nichts.

Kein Wunder, dass Edward sie liebte.

Jennifer lachte, legte Edward mit vertrauter Leichtigkeit einen Arm um den Nacken. „Was, ich bin erst seit ein paar Tagen zurück, und du redest schon hinter meinem Rücken?“

Edward schob sie nicht weg. Er ließ sie ihn halten, und sein Gesicht wurde weich, zu etwas, das Jenna an ihm noch nie gesehen hatte – Zuneigung. Wärme.

Jennifer grinste und tätschelte ihm spielerisch die Wange. „Na los. Sag schon. Hast du mich vermisst?“

Edwards Kehle hob und senkte sich, als er schluckte. Seine Stimme kam tief und rau. „Ja.“Jenna spürte, wie ihr Herz in tausend Stücke zerbarst.

Das war derselbe Mann, der kaum ein Wort mit ihr wechselte. Der Mann, der nicht ein einziges Mal etwas auch nur annähernd Zärtliches gesagt hatte.

Und nun stand er hier und gab dieser anderen Frau so mühelos genau das, wonach Jenna sich die ganze Zeit verzehrt hatte.

Er war nicht kalt. Er hobte seine Wärme nur für Jennifer auf.

Fünf Jahre Ehe, und alles war ein Witz gewesen.

Draußen lachte und plauderte die Gruppe weiter. Jenna krallte sich so fest in das Bettlaken, dass ihre Knöchel weiß hervortraten, während ihr an den Augenwinkeln die Tränen brannten.

Nach einer Ewigkeit schwang die Tür auf.

Lucas stolzierte als Erster herein, in der Stimme triefte der Spott. „Mal sehen, ob unsere zarte Mrs. Russell schon aufgewacht ist—“

Er brach ab, als er sie aufrecht im Bett sitzen sah, den Blick leer auf nichts gerichtet.

Jennifer und Edward folgten ihm. Als Jennifer Jenna wach sah, trat sie mit einem strahlenden Lächeln vor und streckte ihr die Hand entgegen.

„Hi! Ich bin Jennifer – Edwards Freundin. Nenn mich einfach Jenny.“

Sie hakte sich bei Edward unter, ihr Ton leicht und warm. „Ich bin gerade erst vom Flughafen gekommen. Als ich gehört habe, dass du in Ohnmacht gefallen bist, bin ich sofort hergefahren. Geht es dir gut?“

Jenna starrte dieses leuchtende Lächeln an, und es war, als blicke sie in die Sonne – blendend, schmerzhaft.

Sie sagte nichts. Wandte den Blick nur zum Fenster.

Der Raum versank in peinliches Schweigen.

Jennifer war schon immer gut darin gewesen, die Stimmung zu lesen. Sofort begriff sie, dass Jenna ihr Gespräch im Flur mitgehört haben musste.

Sie zwickte Lucas leicht in den Arm, spielerisch im Ton, aber mit Spitze. „Das ist deine Schuld. Du und deine große Klappe. Du hast sie verletzt.“

Dann wandte sie sich wieder Jenna zu, der Gesichtsausdruck entschuldigend. „Jenna, bitte nimm es nicht persönlich. Wir sind alle zusammen aufgewachsen – wir sind viel zu vertraut miteinander. Manchmal sagen wir Dinge, die wir nicht so meinen. Es war nicht böse gemeint, das verspreche ich.“

Sie stieß Lucas mit dem Ellbogen an. „Entschuldige dich.“

Lucas verdrehte die Augen und murmelte: „Sorry, Mrs. Russell. War nur ein Scherz.“

Jenna sah zu, wie die beiden ihre kleine Nummer abspulten, und Übelkeit stieg ihr in den Hals.

Sie wollte kein einziges Wort sagen. Sie schloss die Augen, ihre Stimme flach und erschöpft. „Ich bin müde. Ich muss mich ausruhen. Bitte geht.“

Wieder wurde es still, Spannung knisterte in der Luft.

Edwards Stirnrunzeln vertiefte sich. „Jenny ist den ganzen Weg hergekommen, um nach dir zu sehen, und so benimmst du dich?“

Jenna stieß ein bitteres Lachen aus, ihr Blick glitt kühl zu ihm. „Ist sie gekommen, um nach mir zu sehen? Oder ist sie gekommen, um dich zu sehen?“

„Willst du das jetzt ernsthaft weiter durchziehen?“ fauchte Lucas und trat vor.

Jennifer hielt ihn mit einem Blick zurück.

Edwards Stimme wurde eisig. „Jenna, Jenny bemüht sich, nett zu sein. Wirf keinen Wutanfall.“

„Nett?“ Jennas Augen huschten zu Jennifer. „Wirklich? Sie taucht mit leeren Händen auf, und du nennst das nett?“

„Was, jetzt müssen wir dir Geschenke mitbringen, nur um dich zu besuchen?“ stotterte Lucas und kam wieder auf sie zu. Jennifer packte ihn am Arm.

Jennifer lachte leise, verlegen. „Ich meine, ich bin gerade erst aus dem Flieger gestiegen. Ich hatte keine Zeit, noch etwas zu besorgen.“

Sie griff in die Tasche, zog ein elegantes Schmuckkästchen heraus und hielt es Jenna hin. „Aber das habe ich – eine Tiffany-Kette in limitierter Auflage. Betrachte es als Geschenk, um dich kennenzulernen.“

Lucas’ Augen wurden groß. „Jenny, das ist die, die Edward dir gegeben hat—“

„Lucas. Halt den Mund.“ Jennifers Stimme war scharf.

Vorheriges Kapitel
Nächstes Kapitel