Kapitel 6 Resident Vampire
BEATRICE
Bevor Riaghaire antworten konnte, hörten sie, wie sich die Kellertür öffnete, gefolgt von schweren Schritten auf der Treppe. Das Gatter am Fuß der Stufen knarrte, als es aufging, und jemand, den Beatrice noch nie gesehen hatte, trat ins Blickfeld.
Es war noch so ein Riese – waren alle Werwölfe riesig? – und er trug eine quiekende Ratte am Schwanz. Das Nagetier wand sich, drehte und überschlug sich, während es vergeblich versuchte, sich aus dem Griff des Mannes zu befreien.
Beatrice sah zu, neugierig, was das werden sollte, als er zwischen ihren Zellen stehen blieb. Er warf ihr einen Blick zu, dann wandte er sich Riaghaire zu, der sich, während sie abgelenkt gewesen war, in den hinteren Teil seiner Zelle zurückgezogen hatte. Die Schatten hatten ihn wieder verschluckt, sodass sie nur seine Silhouette ausmachen konnte, außer … spielten ihre Augen ihr Streiche? Seine Augen … glitzerten die etwa, sogar in der Dunkelheit?
„Essenszeit“, grollte der große Mann und schnippte mit dem Handgelenk, sodass das Nagetier in Riaghaires Zelle segelte. In dem Moment, in dem die Ratte durch die Luft flog, drehte er sich um und ging den Weg zurück, den er gekommen war.
Erst nachdem sie hörte, wie das Gatter mit einem metallischen Knall zuschlug, richtete Beatrice ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihren Nachbarn. Sie war überrascht zu sehen, dass er die Ratte gefangen hatte – eine Leistung, wenn das Tier um sein Leben kämpfte. Knochige Finger schlossen sich um seinen Leib, während es sich wand, quiekend in etwas, das man nur als blanken Terror beschreiben konnte.
Riaghaire stieß einen müden Seufzer aus. „Widerlich“, murmelte er und vergrub dann sein Gesicht an ihrem Bauch. Ein grauenhaftes, nasses, schmatzendes Geräusch drang an Beatrices Ohren.
Sie konnte nicht wegsehen, als die Ratte schrie und dann erschlaffte. Aß er sie roh? Wie konnte er das herunterkriegen? Beatrices eigener Magen hob sich, während sie die Lippen zusammenpresste und sich zwang zu schlucken, bis der Aufruhr in ihrem Bauch nachließ.
Er brauchte keine zehn Sekunden, um seine Mahlzeit zu beenden. Als er fertig war, warf er die Ratte in das Loch im Boden seiner Zelle, während Beatrice noch damit beschäftigt war, ihre Übelkeit niederzuringen.
Riaghaire sah sie wieder an, vermutete sie jedenfalls, denn sie spürte seinen Blick wie ein Brennen auf ihrer Haut. Es dauerte eine Minute, bis sie sich genug beruhigt hatte, um den Mund zu öffnen, ohne Gefahr zu laufen, alles zu verlieren, was in ihrem Magen war.
Er kehrte an seinen Platz nahe den Stäben zurück; das schwache Licht verdrängte die Schatten, die ihn verborgen hatten, und gab ein ausdrucksloses Gesicht frei, an dessen Kinn nun Blut herabtropfte.
Er ist ein verdammter Vampir, begriff sie, und ihre Augen wurden groß, während sie sich bemühte, weder Angst noch Überraschung zu zeigen.
All die Geschichten über Vampire, die Beatrice gelesen hatte – und das waren nicht viele –, waren bis zu einem gewissen Grad romantisiert gewesen. Man stellte sie als fähig zu Freundschaft dar, sogar zu Liebe; doch sie kannte die älteren Erzählungen, die von vor dem aktuellen Hype, und die waren voller seelenloser Kreaturen der Nacht. Kreaturen, die nach Blut gierten wie ein Junkie nach dem nächsten Schuss.
Riaghaire schien Herr seiner Sinne zu sein, sagte sie sich und zwang ihre Schultern, sich zu entspannen. Ausgehungert und eingesperrt, wer weiß wie lange, und er war noch bei Verstand, konnte noch sprechen, konnte noch ein Gespräch führen. Bedeutete das, dass die alten Geschichten falsch waren? Oder war er vielleicht einfach nur so gut darin, Menschen zu manipulieren.
Ihre Blicke trafen sich, und Beatrice wusste, dass er darauf wartete, dass sie das Schweigen brach, dass sie kommentierte, was sie nun wusste. Erwartete er Angst und Abscheu? Wenn ja, dann Pech für ihn. Sie war niemand, der bereitwillig die Erwartungen anderer erfüllte.
Sie zermarterte sich den Kopf und versuchte, sich etwas einfallen zu lassen, irgendetwas Unerwartetes. „Ich bin ein bisschen überrascht“, begann sie nach ein paar Sekunden, als sie sich gegen die Wand lehnte. „Man sollte meinen, ein Haufen großer, kräftiger Werwölfe könnte mit seinem eigenen Rattenproblem fertigwerden, aber nein, sie brauchen ihren Hausvampir, damit er es für sie erledigt. Was für ein Haufen Waschlappen.“
Ein Lächeln zuckte an den Mundwinkeln von Riaghaire, doch er ließ es nicht weiter wachsen. „Hast du keine Angst?“
„Doch, klar“, gab sie mit einem kleinen Schulterzucken zu. „Aber im Moment bin ich relativ sicher, und du wirkst halbwegs bei Verstand. Außerdem weiß ich über Vampire vermutlich genauso viel wie über Werwölfe – was sich bislang als komplett falsch erwiesen hat.“
Der Vampir wog ihre Antwort eine Minute lang ab, während er sich auf dem Boden in eine bequemere Position brachte.
Die sollen bloß nicht erwarten, dass ich eine Ratte esse, dachte Beatrice, während sie abwartete, ob Riaghaire etwas sagen würde, denn sie würde die Idee nicht einmal in Erwägung ziehen. Allein der Gedanke daran ließ ihre Übelkeit mit voller Wucht zurückkehren.
„Ich wusste nicht, dass Vampire von Tierblut leben können“, hörte sie sich sagen, um das Schweigen zu brechen – auch nur, weil ihre Neugier, mehr darüber zu erfahren, zu brodeln begonnen hatte.
„Blut ist Blut“, erwiderte er mit einem kleinen Achselzucken. „Menschliches ist … nahrhafter und eine Delikatesse, aber jedes lebende Wesen, das rot blutet, stillt den Hunger eines Vampirs.“ Beatrice konnte nicht anders, als sich zu fragen, wo Werwölfe auf der Skala zwischen nahrhaft und köstlich landeten; würden sie wie ein Mensch schmecken oder wie ein Wolf? Wahrscheinlich nach Wolf, da der Vampir gesagt hatte, er sei eingesperrt worden, weil er ihnen die Köpfe abgerissen hatte, nicht weil er sie ausgesaugt hatte. Warum dachte sie überhaupt darüber nach?
„Also, wenn du ein Vampir bist – dieser Pakt, den du erwähnt hast … würde der beinhalten, mich in einen zu verwandeln? Würde das verhindern, dass sich die Gefährtenbindung vollendet?“
„Korrekt.“
„Ja … nein, danke.“ Ein blutdürstiger Untoter zu sein, reizte Beatrice nicht im Geringsten – ganz abgesehen davon, dass sie und Riaghaire gar nicht nah genug aneinander herankommen konnten, um … was auch immer getan werden musste, um sie in eine zu verwandeln. So frustrierend das Leben auch sein konnte, sie würde es lieber lebendig und menschlich verbringen, vielen Dank auch.
Es gab noch viel mehr Fragen, die sie stellen wollte, jetzt, da sie wusste, was Riaghaire war, doch sie war diejenige gewesen, die die meiste Zeit geredet hatte. Selbst die, die er gestellt hatte, hatten sich um ihre eigene Situation gedreht. Es schien nicht fair, ihn nun mit Fragen zu löchern, die nichts mit ihren gemeinsamen Umständen zu tun hatten.
Das Schweigen, das sie diesmal umhüllte, war irgendwie angenehm, als würden sie beide über ihr Schicksal nachdenken; zumindest redete sie sich das ein. Sie waren wie zwei Erbsen in einer Schote, vorerst in ihre jeweiligen Bestimmungen eingeschnürt. Es gab wenig, was einer von ihnen im Augenblick tun konnte, um irgendetwas zu ändern.
„Erzähl mir von der Außenwelt“, fragte Riaghaire plötzlich, seine raue Stimme tief, beinahe melancholisch. „Wie ist sie, nach all dieser Zeit?“
